Glaubenskrise und Sexualmoral   (26.01.2014)

Die Stellungnahme des Freiburger Diözesanrates (DT vom 18. Januar S. 4) fügt sich nahtlos in die immer zahlreicheren lautstarken Appelle tonangebender katholischer Gremien, die unter dem Beifall der Medien  eine neue zeitgemäße kirchliche Ehe- und Sexualmoral fordern. Dass diese Forderungen heute erhoben werden und nicht mehr zur Ruhe kommen, ist kein Wunder. Sie sind Ausdruck und Folge der Glaubenskrise, welche die Kirche seit nunmehr 50 Jahren heimsucht und  dazu geführt hat, dass  buchstäblich jede Glaubenswahrheit so lange neu interpretiert worden ist, bis sie für die heutigen aufgeklärten Zeitgenossen angeblich alles Anstößige verloren hat. Insofern ist die Forderung einer zeitgemäßen Moral nur die Konsequenz  jenes tiefsitzenden, allgegenwärtigen Missverständnisses der „Verheutigung“ des Glaubens,  die so viel Unheil in der Kirche angerichtet hat.

Man sieht nicht mehr, dass Glaube und katholische Weltanschauung eine innere Einheit bilden, aus der man ungestraft nichts herausbrechen kann, ohne den ganzen Organismus zu zerstören. Zu dieser Einheit gehören eine ganz bestimmte Auffassung der geistbestimmten Natur und Würde des Menschen, des Naturrechtes, der Ehe, ja der ganzen Schöpfungsordnung, wie sie Gott gewollt und dem Menschen als Treuhänder überantwortet hat. Man kann diesen Zusammenhang nicht mehr realisieren und das aus drei Gründen.  Zunächst einmal ist die Glaubenskrise dafür verantwortlich, dass die überlieferte Gnadenlehre in der Verkündigung und im Bewusstsein der Gläubigen fast völlig „verdunstet“ ist. Offensichtlich hat man kaum mehr Verständnis dafür, was es bedeutet, dass die schwere Sünde den Verlust der heiligmachenden Gnade nach sich zieht, die nur durch die vollkommene Reue und – falls  möglich und erreichbar – durch das Beichtsakrament wieder geschenkt werden kann. Und wenn auch seitens des kirchlichen Lehramtes jedenfalls bei uns hierzulande leider wenig, allzu wenig darüber gesprochen wird, so ist nichts darüber bekannt, dass die Kirche ihre Lehre über das, was schwere Sünde ist, geändert hat. Wie sollte dies auch möglich sein, da es sich um göttliche Gebote handelt !

Zweitens kann man diese Einheit von Glaube, Schöpfungsordnung, Naturrecht und Moral nicht mehr realisieren, weil das Glaubenswissen bei uns inzwischen nach Null hin tendiert. Das ist eine Tragödie, die ich als langjähriger Hochschullehrer für Philosophie, der sich im Unterricht besonders um die Vermittlung christlicher Inhalte bemüht hat, sozusagen am eigenen Leibe schmerzlich erlebt habe. Drittens und last not least ist die falsche Auffassung der Geschichtlichkeit und damitder totalen Wandelbarkeit des Menschen, seines Weltbezuges und damit der Wahrheit, die wir der Philosophie Diltheys, Heideggers und Gadamers verdanken, verantwortlich für den Irrtum, dass wir auch im Hinblick auf unsere grundlegenden moralischen Auffassungen immer wieder „mit der Zeit gehen“ müssen. Denn es ist gar keine Frage, dass diese Ideologie der Geschichtlichkeit einen ganz entscheidenden prägenden Einfluss auf die Theologie und darüber das ganze Geistesleben der Gegenwart ausgeübt hat. Sie ist auch verantwortlich für den Irrtum, dass die eindeutigen Warnungen der hl. Schrift vor widernatürlichem Geschlechtsverkehr heute als bloß zeitbedingt abgetan werden.

Prof. Dr. Walter Hoeres, 60431 Frankfurt am Main