(18.1.2018)

Der Papst und das Vater unser

 

Vorbemerkung des Arbeitskreises

 

Papst Franziskus  hält die Vaterunser Bitte „Und führe uns nicht in Versuchung“, für schlecht bzw. falsch übersetzt. Gott der Vater könne nicht in Versuchung führen, so glaubt er. Dabei ist diese Bitte seit Christus Teil des christlichen Grundgebetes. Und  die textliche Übersetzung der Worte Jesu aus der lateinischen bzw. griechischen Sprache lassen keine andere Interpretation zu.  Aber ist es nur diese Bitte, die dem Kirchenoberhaupt missfällt, oder sind auch andere Bitten nicht mit den aktuellen theologischen Äußerungen von Franziskus vereinbar?

·        Wie kann der Katholik oder Christ beten „zu uns komme Dein Reich“, wenn die Ausbreitung und Verkündigung des Reiches als Proselytenmacherei vom kirchlichen Oberhaupt verpönt wird?

·        Durch die Bitte „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“ wird das Maß der göttlichen Barmherzigkeit begrenzt  und  eingeschränkt durch die göttliche Gerechtigkeit. Beide bilden in der Vollkommenheit Gottes eine Einheit.

Nicht alleine die unendliche Barmherzigkeit ist, wie Franziskus sie predigt, das Maß der Vergebung, sondern auch die Gerechtigkeit. Erinnern wir uns an Matthäus 7:  1 Richtet nicht, auf dass  ihr nicht gerichtet werdet. 2 Denn mit welcherlei Gericht ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden; und mit welcherlei Maß ihr messet, wird euch gemessen werden.

·        Die bange Kernfrage bei der Frage nach der Zukunft des Vaterunser aber lautet, wird das Kirchenoberhaupt auch weiterhin in Anbetung des Allerhöchsten sprechen lassen „Vater unser, … geheiligt werde Dein Name“?

Vor diesem Hintergrund freuen wir uns, dass wir den tiefgründigen Artikel von Herrn Dr. habil. Stefan Blankertz veröffentlichen dürfen. Unser besonderer Dank gilt dabei Herrn André F. Lichtschlag <afl@ef-magazin.de>: für die großzügige Nachdruckerlaubnis. Nicht zuletzt gilt unser Dank unserm Mitglied und treuen Leser des ef-magazins, Hubert Milz, der uns diesen Artikel empfohlen hat.

 

Dr. Dieter Fasen

 

Nun, hier folgt der Artikel vom 11. Dezember 2017 aus ef - Magazin!

 

 

 

 

Der Papst und das VaterunserJesus auf dem Scheiterhaufen

 Die Versuchung der Macht

Von Dr. habil. Stefan Blankertz

 

Das Vaterunser sei schlecht übersetzt, befindet der Papst. Sein Missfallen erregt die Zeile mit der an Gott Vater gerichteten Bitte: „Und führe uns nicht in Versuchung“, denn sie setzt voraus, dass Gott „uns“, die Menschen, seine Kinder, in Versuchung führen könnte. „Ein Vater macht so etwas nicht“, behauptet der Papst. Wenn dieses Missfallen von irgendwem geäußert worden wäre, würde ich mich kaum wundern, habe ich doch die Erfahrung, dass im „christlichen Abendland“ eine beklagenswerte Unkenntnis über theologische Fragen herrscht. Es hätte als Spott von einem Atheisten oder einem Kritiker des Christentums kommen können und wäre mir nachvollziehbar. Aber vom Papst?

Das Motiv der Versuchung ist in der Bibel allgegenwärtig. Besonders eindrucksvoll ist die reichlich zynische Wette zwischen Gott und dem Teufel im Buch Hiob des Alten Testaments. Hiob ist ein gottesfürchtiger Mann; der Teufel aber höhnt, sobald ihn das Unglück ereilen würde, würde er sicherlich Gott für sein Schicksal verfluchen. Daraufhin darf der Teufel Hiob allerlei Übel zufügen, um Hiobs Standhaftigkeit zu testen. Also versucht der Teufel und nicht Gott Hiob? Genau das hat der Papst formuliert. So einfach ist es jedoch nicht. Der Teufel vermag es nur unter Gottes Zulassung zu tun. Jede einzelne Qual, der er Hiob unterwirft, muss er von Gott ab nicken lassen. Das kann monotheistisch gesehen auch nicht anders sein. Der Teufel hat, monotheistisch gesehen, keine von Gott unabhängige, eigenständige Macht. Die Freunde von Hiob können sich, wie der Papst, einen Gott nicht vorstellen, der es zulässt, dass einem unbescholtenen Menschen Schlimmes widerfährt. Bei jeder neuen „Hiobsbotschaft“ dringen sie darauf, dass er das Unrecht bekenne, das er begangen habe und für das er vom gerechten Gott bestraft werde. Da Hiob sich keines Unrechts bewusst ist und dies auch zum Ausdruck bringt, halten sie ihn für verstockt und kündigen ihm die Freundschaft auf; dies wird zum Gipfel seines Unglücks. Hiob dagegen verflucht sein Schicksal, ja er verflucht die Stunde seiner Geburt, so sehr leidet er. „Danach tat Hiob seinen Mund auf und verfluchte seinen Tag. Und Hiob sprach: Ausgelöscht sei der Tag, an dem ich geboren bin, und die Nacht, da man sprach: Ein Knabe kam zur Welt.“ – „Warum bin ich nicht gestorben im Mutterschoß?“ (Hiob 3,1-11.) Aber er verflucht nicht Gott, obgleich er bitter meint: „Und Gott droben frage nicht nach ihm!“ Trotz dieser Bitternis, die durchaus eine gewisse Gottesschelte anklingen lässt, hat der Teufel die Wette verloren. Was übrig bleibt, ist, dass das irdische Leben ungerecht und unvollkommen sei, wie der heilige Thomas von Aquin in seinem grandiosen Kommentar zum Buch Hiob herausarbeitet. Dies muss der Gläubige aushalten; alle anderen dürfen sich über diese Konstruktion lustig machen. Schon der heilige Augustinus hat die Absurdität des Glaubens hervorgehoben.

Im Neuen Testament trifft die Versuchung Jesus, das heißt, wenn man die Lehre der Dreifaltigkeit zugrundegelegt, versucht Gott sich jetzt selbst. Den Höhepunkt der Versuchungen, denen der Teufel Jesus aussetzt, ist das Angebot unbeschränkter weltlicher Macht. „Wiederum führte ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit und sprach zu ihm: Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest.“ (Matthäus 3,8-9.) Das Angebot unumschränkter Macht steht in einem Spannungsverhältnis dazu, dass Gott neben der vollkommenen Gerechtigkeit auch die Allmacht zugeschrieben wird. Das Thema des Buches „Hiob“ wird weitergeführt: Wenn Gott allmächtig und vollkommen gerecht ist, könnte er die Welt vollkommen glücklich machen. Sofern wir sagen, er könne es nicht, würden wir seine Allmacht bestreiten; sofern wir sagen, er könne es, tue es aber nicht, stellen wir seine Güte in Frage.

Jesus besteht die Versuchung, indem er die Macht ablehnt. So bleibt ihm nichts anderes übrig, als mit der kleinen Schar seiner Anhänger umherzuziehen und die Mitmenschen aufzufordern: „Folgt mir nach!“ Es kommt auf die freiwillige Zustimmung an; Zustimmung darf und kann nicht erzwungen werden, ohne die Gerechtigkeit zu verletzen. Dies ist die Einsicht, zu der Gott gelangt, da er Mensch geworden ist. Von den literarischen Umsetzungen dieses Punktes möchte ich zwei hervorheben. Die erste ist die Erzählung „Der Großinquisitor“ (fünftes Buch im Roman „Die Brüder Karamasow“, 1880) von Fjodor Dostojewski. Jesus kehrt in das Sevilla des 16. Jahrhunderts zurück, verursacht einen Volksauflauf, obwohl er nicht spricht, und wird vom Großinquisitor verhaftet. Auch im Verhör spricht Jesus nicht; der Großinquisitor wirft ihm vor, durch sein Gebot der freiwilligen Gefolgschaft die ganze (herrschaftliche) Ordnung durcheinanderzubringen, weshalb nichts bleibe, als ihn anderntags hinzurichten. „Du bist nicht vom Kreuz herabgestiegen, als man Dir voll Spott und Hohn zurief: Steige herab vom Kreuz, und wir werden glauben, dass Du es bist. Du bist deshalb nicht vom Kreuz herabgestiegen, weil Du auch hier wieder den Menschen nicht durch ein Wunder knechten wolltest und weil Dich nach seinem freien Glauben verlangte, nicht nach einem Wunderglauben. Dich verlangte nach Liebe aus freiem Willen, nicht nach knechtischem Entzücken der Unfreien vor der Macht, die ihnen ein für allemal Schrecken eingeflößt hat. Aber hier hast Du die Menschen zu hoch eingeschätzt, denn sie sind natürlich Sklaven, wenn auch zu Aufrührern geschaffene.“ – „Morgen wirst Du diese folgsame Herde sehen, die auf meinen Wink hin herbeistürzen wird, um die glühenden Kohlen des Scheiterhaufens zu schüren, auf dem ich Dich verbrennen werde, weil du gekommen bist, um uns zu stören. Denn wenn einer mehr als alle anderen unseren Scheiterhaufen verdient hat, dann bist das Du.“

Die zweite literarische Umsetzung, die ich erwähnen möchte, ist Ernst Jüngers Roman „Heliopolis“ (1949). Im Streit zwischen dem Landvogt, einem (in heutigen Worten) Rechts- oder Linkspopulisten, der die Massen aufpeitscht, und dem Prokonsul, einem konservativen Aristokraten und wohlwollenden Herrscher, kann keiner obsiegen; der Prokonsul aber muss, um nicht zu unterliegen, seine Methoden denen des Landvogts immer ähnlicher werden lassen. Die Erde umkreist in einem Raumschiff der „Regent“, von dem es heißt, er könne mit einem Schlage alle Konflikte beilegen. Aber er habe entschieden, nicht zur Erde zurückzukehren, bevor er nicht von allen Menschen freiwillig anerkannt werde, da er sonst Gewalt anwenden muss, was ihn zum Unrecht verleiten würde.

Nun zeigt sich das Wesen der Versuchung: Die Versuchung ist die Macht. Die Utopie einer vollkommenen, vollkommen gerechten und absolut gewaltlosen Ordnung bedarf entweder einer freiwilligen Übereinkunft oder sie fordert den Einsatz von Macht, mithin Gewalt. Der Einsatz von Macht aber zerstört die Utopie und macht sie zur Gewaltherrschaft. Der Versuchung zu widerstehen, bedeutet, auf Macht und Gewalt zu verzichten, selbst wenn dies einschließt, dass Ungerechtigkeit fortbesteht.

„Und führe uns nicht in Versuchung“, dies ist für mich die zentrale Botschaft von Jesus, auch und gerade in politischer Hinsicht. Wenn andere übersetzerische Korrekturen wie etwa die „Bibel in gerechter Sprache“ mit ihren ungelenken Formulierungen bisweilen grotesk, bisweilen ärgerlich sein mögen, so wäre eine „Korrektur“ des Vaterunsers im Sinne des Papstes die Auflösung dessen, was für mich Christentum bedeutet.