(19. 12. 2017)

 

Leserbrief zu „Du sollst nicht an der autonomen Moral zweifeln“

von Hubert Hecker

Regina Einig zeigt in ihrem Beitrag in der Deutschen Tagespost vom 14.12.2017 die Aporien auf, die bei Theologen mit bedingungsloser Kantgefolgschaft auftreten (Die Tagespost 14. 12.). Der Mainzer Moraltheologe Stefan Goertz wie auch der Fundamentaltheologe Magnus Striet aus Freiburg waren sich bei einer Kölner Podiumsdiskussion einig, dass die menschliche Würde nicht auf die Gottebenbildlichkeit gründet, der strebende Mensch nicht auf Gottes Gebote und Gnade, auf Christi Lehre und Erlösung angewiesen ist. Allein das vernünftige ‚Ich’ begründe hinreichend das unbedingte ethische Sollen. Den Lehren Christi wird allenfalls eine gewisse pädagogische Veranschaulichungsfunktion zugesprochen. Kant hatte von einer „Zusammenstimmung“ von vernunftgereinigtem Christentum und dem „moralischen Vernunftglauben“ gesprochen. Magnus Striet geht diesen Weg weiter. In einem Gespräch mit der Limburger Kirchenzeitung definierte Striet Sünde ohne Gottesbezug als ein selbstverfehlendes Nicht-Ausschöpfen der eigengegebenen Möglichkeiten. Heil, Erlösung und Glückseligkeit kann und sollte sich der Mensch als Ausgang aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit in die moralisch-vernünftige Autonomie selbst erarbeiten. 

Wohin führt dieser Denkweg? Vor 220 Jahren zeigte sich der Pfarrer und Schulgründer Joh. Wilhlem Bausch aus Hadamar überzeugt, dass Kant als neue Sonne der Philosophie ihn und viele andere erleuchtet, die bisherige philosophischen Lehren aber versengt hätte. In seinem Religionscurriculum erklärte Bausch den Kategorischen Imperativ zum entscheidenden Weg, um die fortschreitende moralisch-vernünftige „Vervollkommnung des Menschen als Ziel seines Dasein“ zu erreichen. Gott, Christus und die christliche Lehre degradierte er zu Hilfspositionen. Bausch’ Schüler Joseph Muth, ebenfalls Pfarrer, Lehrer und Rektor, wurde zum führenden Vertreter einer interreligiösen Religionslehre. Seit 1817 war in der nassauischen Simultanschule ein „allgemeiner Religionsunterricht“ für alle Gottgläubigen vorgeschrieben, damals für protestantische, katholische und jüdische Schüler. Dazu schrieb Muth das Lehrbuch. Die Kant’sche Vernunftreligion bei „Euthanasierung“ aller statuarischen Riten- und Gesetzesreligionen war damit zu einem religionsnivellierenden Abschluss gekommen. Erst im Rahmen der 48er Revolution wurde unter der nassauischen Forderung der Religionsfreiheit der staatlich verordnete Interreligionsglaube wieder durch konfessionellen Religionsunterricht ersetzt.

Dostojewski hat eben doch Recht mit der These, dass eine Ethik ohne und insbesondere gegen Gott zu schrankenloser Unmoral führt. Dass hätte schon Kant zu seiner Zeit an dem staatlichen Terror der Jakobinerherrschaft erkennen können (so wie Schiller daraus die Lehren zog). Im 20. Jahrhundert sprengten die antichristlichen Systeme der braunen und roten Sozialisten die fundamentalen Normen. Und auch der Liberalismus steht immer in der Gefahr, über dem „absoluten Wert“ der Selbstbestimmung die Lebens-Werte der Schöpfungsordnung zu vergessen.