„Entweltlichung der Kirche“ (Papst Benedikt XVI.)

Gedanken dazu am Fest des heiligen Franziskus.   

 

Eine Meditation von Bernhard Mihm        (Oktober 2011)

 

Das heutige Fest des heiligen Franz von Assisi geben guten Anlass, über die Freiburger Rede des Heiligen Vaters und seine dort erhobene Forderung nach „Entweltlichung der Kirche“ nachzudenken. Als Franziskus vom Kreuz in San Damiano die Worte hörte „Baue meine Kirche wieder neu auf!“, begriff er erst später, dass damit nicht (nur) der örtliche verfallene Kirchenbau gemeint war, sondern die Kirche als Ganze. Die war im Mittelalter vor allem machtpolitisch mit der „Welt“ verwoben und diese heute gerade von Frommen oft romantisierte Verwobenheit von Kirche und Politik verdunkelte die Botschaft Christi. Was der Herr Franz damals auftrug, war indessen nicht binnen kurzer Zeit zu „bewerkstelligen“, sondern erforderte nur geschichtstheologisch begreifbar einen langen Atem über das Konzil von Trient, die schmerzliche Erfahrung der Französischen Revolution und – in Deutschland zumal der Säkularisierung. Erst mit dem Ersten Vatikanischen Konzil mit der Ersetzung des Kirchenstaates durch das Unfehlbarkeitsdogma kam der mit Franziskus begonnene Prozess der „Entweltlichung“ zum Abschluss. Ein Zweites fällt auf: Franz musste wirklichkeitsbezogene Kompromisse in der Realisierung seiner Ideale eingehen: Seine Ordensregel war in der ursprünglichen Form kaum umsetzbar, und in einem durchaus schmerzlichen Prozess des Gehorsams dem Papst gegenüber fügte sich der Heilige. Aus seiner Bewegung erwuchs auch nicht nur Segen. Schwärmerische Abirrungen blieben ihr nicht erspart. Wenn sie dennoch bis zur Stunde eine nicht hinwegzudenkende Kraft in der Kirche geworden und geblieben ist, verdanken wir alle das Männern, die auf Maß und Mitte bei der Umsetzung des Franziskus-Ideals achteten.

 

„Baue meine Kirche wieder neu auf“, das mag auch Papst Benedikt XVI. heute hören und hat es im Freiburger Konzerthaus an die Adresse der Kirche in Deutschland weitergesagt.

 

„Entweltlichung“ ist die Botschaft der Stunde:  Die Verwobenheit der Kirche mit weltlichen Machtstrukturen ist auch heute ein großes Problem. Dabei zunächst und nur an die Kirchensteuer zu denken, verstieße wohl gegen Maß und Mitte. Die Kirche hat zuviel Geld in Deutschland, das ist wahr. Das zuviel an Geld ermöglichte die Entwicklung von aufgeblähten Apparaten, die den Hirtendienst der Bischöfe verdunkeln. Hier muss Remedur geschaffen werden. Maß und Mitte lassen aber auch die Kollateralschäden in den Blick nehmen, die eine überstürzte Abschaffung dieser Einnahmequelle nach sich zöge. Und wenn die Freiburger Papstrede bei der Caritas deren sozialwirtschaftliche Schieflage kritisch in den Blick zu nehmen heißt, darf die wirkliche Liebestätigkeit von Caritas vor Ort nicht leichtfertig beschädigt werden. Maß und Mitte verlangen also wieder langen Atem, behutsames, kluges und eben nicht radikal überstürztes Vorgehen: Franziskus in Gehorsam vor Innocent III.

 

Das wesentliche Feld der angesagten Entweltlichung aber ist das Verhältnis der Kirche zu den Medien. Alle Biographen des heiligen Franz von Assisi heben dessen Begabung, ja Hang zur Selbstdarstellung hervor. Das war bei ihm so, als er noch der Lieblingssohn eines reichen Kaufmanns und Anführer einer Jugendclique war. Das blieb auch nach seiner Umkehr so: als Büßer kehrte er durchaus demonstrativ seine neue Existenzform hervor. Genau deshalb blieb er nicht einer der öffentlichen Büßer seiner Zeit, sondern begründete eine kirchengeschichtlich bedeutende Bewegung. Präsenz in der jeweiligen Öffentlichkeit zu zeigen, ist eine bleibende Lehre aus Leben und Wirken unseres Tagesheiligen.  Präsenz in den Medien gehört heutzutage gewiss dazu. Aber, und dieses „aber“ ist dringlich notwendig, das darf nicht zur Hörigkeit gegenüber den Mediengewaltigen führen. Angst vor der Presse ist eine Ausprägung jener Menschenfurcht, vor der der Herr selbst immer gewarnt hat. Auch hier gibt Franz von Assisi ein Beispiel. Er demonstrierte auffällig seine Lebensform. Aber ihm war dabei gleichgültig, ob ihn seine alten Freunde für verrückt hielten und die Leute ihn mit Steinen und Kot bewarfen, wie in zeitgenössischen Quellen zu lesen ist.

 

In unseren Tagen war es in Deutschland vor allem der verewigte Erzbischof Dr. Johannes Dyba, der ein Beispiel gab: Souverän und gekonnt trat er in den Medien auf. Er war dort gefragt. Aber dennoch gab er in der Sache keinen Millimeter preis, um damit anzukommen.

 

Das provozierte.

 

Und vielleicht lud man ihn genau deshalb gern ein in Fernsehrunden.  Wenn man ihn deshalb als enfant terrible bezeichnete, dann war das nichts anderes als die Erfahrung des heiligen Franziskus, von der jeunesse dorée in Assisi für verrückt gehalten zu werden. Wo sind zur gegenwärtigen Stunde die Nachfolger dieses Franziskus und eines Johannes Dyba?