Der allzu optimistische Konzilspapst Johannes und die Konzilskritik von Papst Benedikt                                        (21.05.2013)

Das II. Vatikanische Konzil wirkte desorientierend für Glauben und Lehre – auch aufgrund der Fehlleitung päpstlicher Vorgaben

Päpstliche Konzilskritik

Papst Benedikt XVI. schreibt im Vorwort zum siebten Band seiner „Gesammelten Schriften“:
Die Konzilserklärung "Nostra Aetate" sei zwar ein "präzises und außerordentlich dichtes Dokument". Als Schwäche habe sich aber erwiesen, daß  es von den nicht-christlichen Religionen nur positiv spreche und die nicht unerheblichen "kranken und gestörten Formen von Religion" beiseitelasse.

Dieser Mangel in der „Erklärung zu den nicht-christlichen Religionen“ ist allerdings kein Einzelfall, sondern betrifft mehr oder minder alle Konzilsdokumente. Denn die Ausklammerung des Schlechten und Bösen in Welt und Religionen  sowie der falsche Optimismus einer eigenständigen Heilsentwicklung der Welt – auch ohne Kirche – war die Leitlinie des Konzils und damit aller Konzilsdokumente.

Päpstliche Blauäugigkeit bei der Konzilseröffnungsrede

Schon in der Konzils-Eröffnungsrede am 11. Oktober 1962 hatte Papst Johannes XXIII. diese Linie vorgezeichnet:
„Die Kirche hat den Irrtümern zu allen Zeiten widerstanden, oft hat sie sie auch verurteilt, manchmal mit großer Strenge.“ Heute dagegen scheint es angemessener zu sein, „die Kraft ihrer Lehre ausgiebig zu erklären, als (Irrtümer) zu verurteilen.

Der damalige Papst sah zwar die „falschen Lehren und gefährliche Meinungen“ seiner Zeit. Aber er spielte sie völlig unrealistisch als harmlos herunter oder tat sie wirklichkeitsfremd als schon überwunden ab:
Die Kirche brauche gegen die Irrtümer der Zeit nicht mehr vorzugehen.
Denn diese Irrlehren seien in sich so widersprüchlich, daß die Menschen schon von sich aus die falschen Lehren verurteilten.
Auch die Sitten der Gottlosen würden von allen vernünftigen Menschen abgelehnt.

Ebenso werde mehr und mehr das blinde Vertrauen auf technischen Fortschritt und rein materiellen Wohlstand als nicht erfüllend angesehen.
Schließlich hätten die Staatslenker erkannt, daß äußere Gewalt, Aufrüstung und politische Vorherrschaft nicht genüge, um die Menschheitsprobleme glücklich zu lösen.

Päpstlicher Fortschrittsoptimismus und Blindheit gegenüber den Irrtümern

Zu den „Zeichen der Zeit“, die zu erforschen das spätere Konzilsdokument „Gaudium et spes“ die Kirche aufforderte, sollten die grassierenden Irrtümer nicht gezählt und auch nicht berücksichtigt werden.

Nach dieser blauäuigen oder rosaroten Weltsicht könne sich das Konzil darauf beschränken, „die Leuchte der Glaubenswahrheit“ hochzuhalten.
Das Konzil sei einberufen, um die Glaubenswahrheiten „mit wirksameren Methoden zu erklären“ und so zu verkünden, wie es einem „vorwiegend pastoralen Lehramt entspricht“.
Damit eröffne die Kirche „den modernen Menschen die lebendigen Quellen ihrer Lehre“, so daß die Menschen ihre wahre Würde und ihr Lebensziel erkennen können.

Der widersprüchliche und reduktionistische Ansatz des Konzils

Der Ansatz des Konzils war also in zweifachem Sinne reduktionistisch:
Zum einen sollten nicht die Irrtümer der Zeit und Irrlehren anderer Weltanschauungen verurteilt werden.
Zum andern sollten keine umstrittenen Lehrfragen geklärt und kirchlich-dogmatische Aussagen geschärft werden, wie das praktisch alle früheren Konzilien getan hatten.

Das Ziel des Konzils sollte nach dem Willen von Papst Johannes XXIII. allein darin bestehen, die gleich bleibenden Wahrheiten der christlichen Lehre durch ein neues Bemühen zu erforschen, auszulegen und zu verkünden – und zwar in neuer Art und Weise, „wie unsere Zeit es verlangt“.

Aber mussten für einen solchen pastoralen Auftrag 2.500 Bischöfe in einem Konzil zusammenkommen?
Natürlich nicht - und daher hielten sich die führenden Konzilsbischöfe auch nicht an diese päpstliche Pastoral-Vorgabe, sondern debattierten auch über dogmatische Kernfragen – etwa zum Selbstverständnis der Kirche.

Aufgrund der fehlleitenden päpstlichen Vorgaben, der widersprüchlichen Führung und Durchführung des Konzils sowie einiger usurpatorisch-modernistischen Bischöfen war das Ergebnis für Kirche und Gläubigen desorientierend – denn:

Die Irrtümer und Irrlehren waren und sind die ‚Kennzeichen der Zeit’

• Die "kranken und gestörten Formen von Religion", die gewalttätigen, unmoralischen, trügerischen und menschenverachtenden Elemente in den „nicht-christlichen Religionen“ wurden bewusst überspielt, alle Religionen als Wahrheits- und Sinnsucher geadelt. Damit wurde einer pluralistischen Theologie der Weg geebnet sowie der Esoterik-Boom gefördert.

• Der religionszerstörende Marxismus und totalitäre Kommunismus wurden nicht verurteilt – mit der Folge, dass sich marxistische Ideen auch in Theologie und Kirche einschlichen.

• Nicht abgelehnt wurden die freimaurerischen Kräfte, die unter dem Deckmantel von Aufklärung und Humanismus Moral und Familie zerstören, indem sie Pornographie, Abtreibung und Homo-Ideologie propagieren.

• Man hat nicht gewarnt vor den antikatholischen Modernisten, die die Kirche von innen aushöhlen, die Liturgie banalisieren, den Glauben säkularisieren wollen.

• Mit der Verharmlosung aller antikirchlichen Kräfte ging ein blindes Vertrauen in weltlichen Fortschritt und Wissenschaft einher, mit dem sich die Kirche „an die Welt von heute“ anpassen sollte.

• Die unklare päpstliche Zielvorgabe zwischen pastoralem und dogmatischem Konzil war ein Türöffner für unklare und widersprüchliche Aussagen auch bei dogmatischen Konzilstexten.

• Die Kirche als einzige Wahrheit und Wegführung zum Heil wurde entwertet, indem die Päpste von Johannes XXIII. bis zu Johannes-Paul II. in der nicht-christlichen Entwicklung von Geschichte, Welt und Religionen Elemente der göttlichen Führung und Vorsehung erkennen wollten.

Das Konzilsdokument ‚Gaudium et spes’ spiegelt diese Prinzipien wider: Verharmlosung des Bösen in der Welt und Übersteigerung des weltlichen Guten

Die sogenannte Pastoralkonstitution ‚Kirche in der Welt von heute’ wird vielfach als Kernstück des Zweiten Vatikanums angesehen. Tatsächlich sind in diesem langen und teilweise ausufernden Dokument mit größter Konsequenz die Prinzipien entfaltet worden, die Papst Johannes XXIII. in seiner Eröffnungsrede skizzierte: Das Böse und Teuflische in der Welt wird verharmlost und der autonom-weltlichen Entwicklung bescheinigt man einen heilsam-positiven Charakter.

Zwar wird abstrakt-dogmatisch die Erbsündlichkeit der Menschheit als „Kampf zwischen Gut und Böse, Licht und Finsternis“ im Kap. 13 erwähnt, aber bei der Erörterung der konkreten und aktuellen Welt- und Menschheitsauseinandersetzungen verflüchtigt sich dieser „dramatische“ Antagonismus zu einer lauen Lüftchen-Bewegung.

Das wird an der Behandlung des Atheismus/Kommunismus deutlich, den die Konzilsväter zu einer der „ernstesten Gegebenheiten dieser Zeit“ kleinreden und „aufs sorgfältigste prüfen“ wollen (Kap. 19). Zwar beklagt man „voll Schmerz“ dessen „verderbliche Lehren und Maßnahmen“, aber man ist optimistisch, dass man mit einer „situationsgerechten Darlegung der Lehre (der Kirche)“ ein wirksames „Heilmittel“ gegen den Atheismus in der Hand habe. Letztendlich müsse man sogar im Dienste eines „richtigen Aufbaus dieser gemeinsamen Welt“ mit den Atheisten zusammenarbeiten und sollte daher mit den Vertretern des Atheismus/Kommunismus einen „aufrichtigen und klugen Dialog“ führen. Der atheistische Kommunismus wird also zu einem akademischen Lehrstreit heruntergestutzt, den man mit einer geschickten Lehr-Darstellung überwinden könne. Schon unverschämt ist die Behauptung, dass die Gläubigen selbst Mitverantwortung für das Aufkommen des Atheismus trügen – aufgrund „missverständlicher Lehrdarstellung und Vernachlässigung der Glaubenserziehung“.

Man übersah die Grausamkeiten des Kommunismus, dessen Opfer wurden verhöhnt

Diese Verharmlosung der aggressiven Atheismus ist nicht nur ein Sichblindstellen der Konzilsväter vor den  furchtbaren Unterdrückungen, Grausamkeiten und Massenmorde, die er seit der Schreckensherrschaft der Französischen Revolution über die europäischen Völker brachte, sondern auch eine Verhöhnung der zig Millionen Opfer – gerade auch unter den Gläubigen: 90.000 Popen und Nonnen ließ allein Lenin ermorden, Stalin etwa die gleiche Zahl; 7.000 Priester und Nonnen ermordeten die roten Banden im spanischen Bürgerkrieg; hunderttausende Kirchenleute quälte und töteten Maos gnadenlose Schergen, zehntausende Priester und Gläubigen wurden nach dem Krieg in den Ostblockstaaten eingesperrt und gefoltert. Nur fünf Jahre vor dem Konzil zeigte der Kommunismus in der blutigen Niederschlagung des Ungarn-Aufstandes sein wahres Gesicht. Auch die Nachfolger Stalins bekämpften Kirche und Gläubigen bis aufs Blut – noch zu der Zeit, als die Konzilsväter dem Kommunismus Harmlosigkeit bescheinigten.

Nachdem man den atheistischen Kommunismus als leichte und leicht zu behebenden Abirrung der Moderne heruntergespielt hat, wird die Entwicklung und der „Fortschritt der Welt“ hochgespielt zu einem Heilweg der Menschheit: Angeblich anerkenne die Kirche „den Plan des Schöpfers, dass der menschliche Fortschritt zum wahren Glück der Menschen zu dienen vermag“ (Kap. 37). Und wiederholend wird der menschliche Fortschritt zu einem „großen Gut für die Menschen“ hochstilisiert.

Die Konzilsväter stellten sich blind

Auch hier muss man fragen: Wer hat die Konzilsväter mit Blindheit geschlagen, dass sie nicht die sich aufdrängende moralische und soziale Ambivalenz von „Fortschritten“ in Technik und Wissenschaft sahen? Und wie gingen sie mit den vielfältigen biblischen Warnungen um, sich nicht mit dieser Welt gleichförmig zu machen – u. a. in Röm 12,2? Das Konzilsdokument interpretiert das biblische Wort „Welt“, das im Gegensatz zum Reich Gottes das Reich vom teuflischen Fürsten dieser Welt bedeutet, einfach zu einer sündigen Haltung um – nämlich in den „Geist des bösen Stolzes und der Bosheit“, der allerdings in dem „Fortschritt der Welt“ keine Rolle zu spielen scheint.

Blauäugige und fehlerhafte Einschätzungen und Perspektiven des Konzils und insbesondere der Pastoralkonstitution bilden seit 50 Jahren eine Desorientierung für das Schiff Petri wie auch die Gläubigen, so dass eine Kurskorrektur dringend notwendig wäre.