Der Präsident oder: Durfte Roosevelt schweigen?              (05.10.2013)

Eine nicht verstummende Kritik: Präsident Roosevelt hat seine Stimme nicht erhoben, um die Weltöffentlichkeit vor der Verfolgung der Juden in Nazi-Deutschland zu warnen  und er hat  zu wenig getan, um die europäischen Juden vor der Vernichtung zu retten.

 

Der US-amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt (+1945) war zweifellos der bedeutendste und wirkmächtigste amerikanische Politiker im 20. Jahrhundert. Mit seiner Außenpolitik und dem Kriegseintritt beendete er endgültig den traditionell isolationistischen Kurs der USA.

Seither fühlt sich die Führungsmacht der westlichen Welt verpflichtet und berechtigt, an jedem Punkt der Erde einzugreifen, wenn es die amerikanischen Interessen zu gebieten scheinen. Wahlweise werden diese Interventionen auch mit dem Kampf gegen „Schurkenstaaten“ oder dem Schutz von Menschenrechten bzw. Minderheiten begründet – gegebenenfalls mit dem Mittel der Lüge.

Der Präsident schwieg beharrlich zum Nazi-Rassismus….

Teile dieser politischen Rhetorik der US-Außenpolitik gehen auf Roosevelt zurück. In seinen außenpolitischen Reden ab 1937 sprach er von Deutschland und Italien stets als ‚Gangsterstaaten’. Dagegen spielte der Kampf für Menschenrechte und Minderheiten für den Präsidenten keine Rolle.

Als die Ausgrenzung, Unterdrückung, Enteignung und Verfolgung der Juden durch das NS-Regime immer deutlicher wurden, schwieg der Präsident darüber beharrlich in seinen Reden. Je drastischer seine Schreckensvisionen zur Ausbreitung des Faschismus in Europa ausfielen, das Schicksal der europäischen Juden war nicht sein Thema. Ebenso tauchte die Judenverfolgung bei den zahlreichen Andeutungen und späteren Begründungen Roosevelts für den Kriegseintritt der USA gegen die europäischen Achsenmächte nicht auf – nicht einmal am Rande.

Selbst als ab 1942 die Deportationszüge mit Juden zu den Gaskammern von Auschwitz, Treblinka und Sobibor rollten und die amerikanische Regierung von verschiedenen Seiten über das Juden-Vernichtungsprogramm der Nazis detailliert informiert war – der Präsident prangerte damals in seinen Reden die NS-Verbrechen an Juden und anderen Minderheiten nicht an.

….während Papst Pius XII. als einsame Stimme aufbegehrte

In den Weihnachtsansprachen von 1941 und ’42 hatte Papst Pius XII. den mörderischen Rassismus der Nazis verurteilt, bei dem „Hunderttausende … nur aufgrund ihrer Nationalität oder Rasse dem Tod oder fortschreitender Vernichtung preisgegeben sind“.

Die deutschen Stellen verstanden diese Ausführungen genauso wie die führenden westlichen Presseorgane dahingehend, dass „der Papst deutlich zugunsten der Juden spricht“.

Die New York Times berichtete von beiden Ansprachen. Es kann durchaus als ein kritisches Signal an den eigenen Präsidenten interpretiert werden, wenn die Zeitung damals feststellt: „Der Papst ist mehr denn je die einsame aufbegehrende Stimme im Schweigen eines Kontinents…“

Der Präsident sah tatenlos dem Holocaust zu

Das nationalsozialistische Massenvernichtungsprogramm gegen Juden und andere Minderheiten währte mehr als drei Kriegsjahre. Die Aufforderungen von jüdischen Organisationen an die damalige militärische Supermacht USA, mit wirksamen Mitteln den Nazis in den Arm zu fallen, wurden immer drängender.

Als die Alliierten von Frankreich, Italien und auch vom Nahen und Mittleren Osten immer näher an die Schauplätze der NS-Vernichtung herankamen, war es für die Amerikaner kriegstechnisch möglich, die Logistik des KZ-Systems zu stören und etwa die zuführenden Bahnlinien zu bombardieren.

Präsident Roosevelt blieb auch in dieser Hinsicht untätig und leitete keine entsprechenden Aktionen ein.

Rechtfertigung der Roosevelt’schen Politik als alternativlos

Über die Frage, warum der „wirkmächtigste“ Staatsmann der westlichen Welt während der Nazi-Herrschaft für die Juden und andere NS-verfolgte Minderheiten weder seine Stimme erhob noch militärisch handelte, ist schon viel diskutiert worden.

Kürzlich haben zwei US-amerikanische Professoren erneut ein großvolumiges Werk zu diesem Thema vorgelegt. Die Frankfurter Allgemeine lobt in einer Rezension vom 29. 4. 2013 das Buch wegen seines umfassenden Ansatzes, da alle Entscheidungen des Präsidenten bezüglich der „Jewish Question“ in den „Gesamtzusammenhang der Roosevelt’schen Innen- und Außenpolitik, seiner Möglichkeiten und Machtstrategien“ gestellt würden.

Der Rezensent stimmt dem Resümee der Autoren zu, dass Roosevelts Politik in dieser Frage alternativlos gewesen wäre.

Politische Entscheidungen im Kontext sehen

Es ist sicherlich falsch, die Haltung eines Politikers nur fokussiert auf eine Gegebenheit allein zu betrachten und zu bewerten. Die Entscheidungen in einem Sektor müssen im Kontext seiner politischen Strategie sowie aller anderen Politikfelder erörtert und gewürdigt werden. Das Buch nennt den Bezug zu den weiteren Zielen Roosevelts: die Überwindung der Wirtschaftskrise, seine Wiederwahlen,  den Eintritt Amerikas in den Zweiten Weltkrieg und das siegorientierte militärische Vorgehen.

Mit dem Begriff „Rücksichtsnahme“ glauben die Autoren das Zauberwort gefunden zu haben, um Roosevelt von aller Kritik abzuschirmen. Sie verweisen auf seine Rücksicht auf den verbreiteten Antisemitismus im eigenen Land, gegenüber „den zögerlichen Briten und Premierminister Churchill“ sowie Rücksichtnahme auf seine eigene Militärs. Und überhaupt sei er „an der Entscheidung, Auschwitz nicht zu bombardieren, gar nicht beteiligt“ gewesen.

Nachträgliche Verwischung und Exkulpation

Der Begriff „Rücksichtnahme“ verdeckt aber mehr als er aufklärt, indem er aus der Perspektive des Präsidenten dessen tatsächliche Entscheidungen rechtfertigt. Dahinter versteckt sich auch die nachträglich Exkulpation, dass der Präsident anderes gehandelt hätte, wenn er nicht zur Rücksichtsnahme von anderer Seite gezwungen wäre. Schließlich ist es eine banale Feststellung, dass politische Entscheidungen unter Hinsicht und Bezug auf andere Gegebenheiten getroffen werden.

Spielräume für antirassistische Stellungnahmen …

Bei einer wissenschaftlichen Durchleuchtung der Materie müssten die Spielräume der einzelnen Politikfelder abgesteckt sowie deren objektive Bezüge auf Zusammenhänge und Widerspruchsfreiheit abgeklopft werden.

Dabei ergeben sich tragfähige Kriterien, um Entscheidungen im Rahmen von Handlungsspielräumen bewerten zu können. Zu Roosevelt könnte z. B. gefragt werden, warum er in den Jahren vor dem 2. Weltkrieg seine Stimme nicht gegen den grassierenden Rassismus der Nazis erhob – etwa wie Papst Pius XI. mit seiner Antirassismus-Enzyklika vom März 1937 (vgl. den Beitrag vom 14. 3. 2013 auf dieser Seite).

Eine antirassistische Stellungnahme hätte problemlos zu Roosevelts Gangsterstaaten-Rhetorik gepasst. Auch innenpolitisch konnte er sich auf eine einhellige Missbilligung der amerikanischen Bevölkerung gegenüber den anti-jüdischen Nazi-Pogromen stützen.

Bei dieser Konstellation könnte der Hypothese nachgegangen werden, dass Roosevelt die zentrale Nazi-Ideologie deshalb nicht anklagte, weil er als Rückwirkung eine anti-rassistische Diskussion im eigenen Land fürchtete. Wenn das so wäre, war das Schweigen des US-Präsidenten zum Nazi-Rassismus nicht „zwingend“, seine Entscheidung nicht „alternativlos“.

… doch Roosevelt wollte sich lieber auf den amerikanischen Rassismus stützen

Roosevelt war sicherlich kein Überzeugungstäter, sondern als „Artist der Machtpolitik“ ein taktischer Rassist, was aus folgendem Beispiel zu ersehen ist:

1936 war der schwarze US-Amerikaner Jesse Owens mit vier Goldmedaillen der erfolgreichste Sportler der USA bei den Olympischen Spielen in Deutschland. Präsident Roosevelt schickte ihm aber kein Glückwunschtelegramm nach Berlin und weigerte sich auch später, den Ausnahmesportler im Weißen Haus zu empfangen.

Der Präsident begründete diese Weigerung mit „Rücksichtnahmen“ auf Presse und  Wähler in den Südstaaten. Owens Kommentar dazu: „Hitler hat mich nicht brüskiert, sondern Franklin D. Roosevelt.“ (Es ist eine Legende, dass Hitler eine Gratulation Owens’ demonstrativ verweigert hätte.)

Rassistische Einwanderungsgesetze der USA

Als weiteren Punkt der Rücksichtnahme nennt der Rezensent „die als sakrosankt geltenden Restriktionen der Einwanderungsgesetze“.

Diese nach dem 1. Weltkrieg entstandenen Gesetze waren rassistisch motiviert. Mit Länderquoten sollten die Einwanderungszahlen  heruntergedrückt, insbesondere aber Asiaten, Slawen und osteuropäische Juden zurückgehalten werden, die damals vor Pogromen und Bürgerkriegen flüchteten.

Auch für die Massenflucht der deutschen Juden vor dem NS-Regime wirkte das amerikanische Quotensystem restriktiv. 1939, im Jahr nach den NS-Pogromen, war die Auswanderungsquote für Deutschland schon im Februar erreicht.

Zehntausende deutsche Juden, die den Wunsch oder den Antrag nach Einwanderung in die USA gestellt hatten, wurden zurückgewiesen und fielen später dem Holocaust zum Opfer. 

Zehntausende deutsche Juden wurden von Amerika zurückgewiesen

Dass die restriktive Einwanderungsquote „sakrosankt“ gewesen wäre und auch der mächtige Präsident absolut nichts daran hätte ändern können, ist eine glatte Lüge. Roosevelt selbst hatte mit seinen Reden vom „Gangsterstaat“ Deutschland den Boden bereitet, dass sich in der amerikanischen Bevölkerung  die antisemitische Grundstimmung wandelte:

Nach einer Gallup-Umfrage wären bereits im Jahre 1937 47 Prozent  der Befragten bereit gewesen, einen geeigneten Präsidentschaftskandidaten auch dann zu wählen, wenn dieser jüdisch sei. Bei einer Datenerhebung unmittelbar nach den Novemberpogromen der Nazis gaben 94 Prozent der Befragten an, dass sie die Behandlung der Juden unter dem Nationalsozialismus missbilligten.

Auf diesem Hintergrund ist es nicht unwahrscheinlich, dass der Präsident bei seiner Autorität und Machtfülle mit beherztem Auftreten eine entsprechende Ausnahme-Regelung für deutsch-jüdische Flüchtlinge hätte durchsetzen können. Sein Handlungsspielraum war gegeben, aber er wollte ihn offensichtlich nicht ausnutzen.

Jedenfalls war die objektive Folge davon, dass von dem restriktiven Einwanderungsgesetz auch in dieser Notlage keine Ausnahme gemacht wurde, dass zehntausende zurückgewiesene deutsche Juden dem Nazi-Schergen ausgeliefert wurden, auch wenn man diese Folgen wegen der Unabsehbarkeit dem Präsidenten nicht im vollen Umfang anrechnen kann.

Selbstgerechte Doppelmoral von amerikanischer Seite

Dass US-amerikanische Politologen das Handeln von Präsident Roosevelt zur Judenfrage als alternativlos und zwingend darstellen, zeugt von einer selbstgerechten Moral, die sie anderen nicht zubilligen.

Diese Doppelmoral zeigte sich bei der sogenannten Nazigoldaffäre um die Jahrtausendwende. Der Schweiz wurde damals von US-amerikanischer Seite unter anderem vorgeworfen, was sie für sich selbst zurückwies – nämlich dass sie mit einer restriktiven Einwanderungspolitik indirekt mitschuldig geworden sei am Tod von zehntausenden Holocaustopfern.

Roosevelt handelte mit Hintergrund-Initiativen

Bei aller Kritik an Roosevelt, dass er seine politischen Handlungsspielräume für öffentliche Proteste gegen den mörderischen NS-Rassismus nicht nutzte und auch militärische Operationen gegen Nazi-KZs ablehnte, soll sein diplomatisches und praktisches Bemühen zum Schutz der verbleibenden Juden nicht unterschlagen werden.

Die Autoren berichten, dass noch der todkranke Präsident auf der Rückfahrt von der Konferenz in Jalta in Gesprächen mit dem saudischen König Ibn Saud vergeblich für eine Heimstätte der Juden in Palästina geworben habe.

Durch zahlreiche Initiativen im Hintergrund habe der amerikanische Präsident mit seinen Helfern mehr als 300.000 Juden das Leben gerettet.

Nächste Woche:

Die schmutzige Rufmordkampagne gegen Papst Pius XII.