(26.2.2016)

Am 14.01.2016 verstarb unser Mitglied

Prof. Dr. Walter Hoeres

                         

Seit der GrŸndung unseres Arbeitskreises im Jahre 1999 war Prof. Dr. Walter Hoeres Mitglied. Er war ein Ÿberzeugter und Ÿberzeugender Katholik, der sich mit gro§er Leidenschaft zur Wahrheit unseres Glaubens bekannte. In Erinnerung an Prof. Dr. Walter Hoeres veršffentlichen wir den nachfolgenden Artikel aus der kirchlichen Umschau Juni 2015. Wir betrachten den Inhalt als sein VermŠchtnis an die Kirche von Heute, die die Grundlagen der theologischen Erkenntnis zu vergessen droht und deren Lehre  immer mehr dem Relativismus preisgegeben wird. Es gibt PrŠlaten, die sogar die Befindlichkeit des heutigen Menschen als eine dritte Erkenntnisquelle neben Schrift und Tradition etablieren wollen. Daher ist dieser Artikel von hoher AktualitŠt.

 

Weinerliche Betroffenheit

Der Kult des Gewissens und die neue Moral

 

Walter Hoeres

 

 

Seit der unheilvollen Kšnigsteiner ErklŠrung von 1968, der in …sterreich die von Maria Trost entspricht, wird von einer Vielzahl von Theologen und selbst von Bischšfen das sogenannte ãmŸndige GewissenÒ gegen das Lehramt der Kirche in Stellung gebracht. Nachdem nunmehr im Vorfeld der neuen Familiensynode auch die katholische Ehe- und Sexualmoral ãin die Diskussion geraten istÒ und weite katholische Kreise vor allem in Deutschland ihre Relativierung anstreben, hat diese Berufung auf das mŸndige Gewissen erneut unverdiente AktualitŠt gewonnen. Dabei dŸrfen die Beiwšrter nicht fehlen. Denn immer ist die Rede vom persšnlichen, mŸndigen, ureigenen Gewissen, womit schon zum Ausdruck gebracht werden soll, dass jedenfalls im moralischen Bereich nicht die objektive Wahrheit den Ausschlag gibt, sondern das eigene DafŸrhalten die letzte Instanz sein soll. Das kann man auch richtig verstehen, und gerade auf diese trŸgerische Evidenz berufen sich die so eifrigen Verfechter der persšnlichen Gewissensentscheidung. Denn in der Tat muss ich immer meinem Gewissen folgen. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Denn ebenso sicher ist es, dass ich die schwere Gewissenspflicht habe, mich an den objektiven Normen fŸr mein Handeln zu orientieren. Und wo wŠren diese sicherer gegeben als in der gšttlichen Offenbarung und den aus ihr folgenden sittlichen Ma§stŠben, wie sie der Kirche zu treuen HŠnden Ÿbergeben worden sind!

 

Moralisierende Weinerlichkeit

Drei Dinge sind es, die diese Berufung auf das eigene Gewissen heute im kirchlichen Bereich verunstalten: eine neue moralisierende Weinerlichkeit, die Erhebung des subjektiven Gewissens zur letzten Instanz und das Idol einer MŸndigkeit, die uns angeblich das Konzil gebracht hat, das sich aber in Wahrheit der AufklŠrung verdankt, die das einstmals so strahlende Antlitz der Kirche schon seit Jahrzehnten entstellt.

Die neue Weinerlichkeit Šu§ert sich darin, dass alle immer wieder ãschmerzlich betroffenÒ sind und still, aber doch vernehmlich leiden, wenn aus Rom wieder eine ErklŠrung kommt, die nicht zu ihrer Sehnsucht passt, eine ganz neue, fortschrittliche Kirche zu errichten. Das Besondere an dieser Betroffenheit ist, dass sich die schmerzlich berŸhrten Subjekte moralisch betroffen und folglich im Recht fŸhlen.

Der Humanismus, dem sie sich verpflichtet fŸhlen, und ihr verqueres Ideal der ƒgalitŽ, das zu einer ganz neuen Kirche fŸhren soll, werden ihrer Ansicht nach immer wieder von Rom durchkreuzt. Und das irritiert sie natŸrlich: die BannertrŠger der ãecclesiastical correctnessÒ, der im weltlichen Bereich genau die ãpolitical correctnessÒ entspricht.

WŠhrend sie die gšttlichen Gebote und das Naturrecht an die ãBedŸrfnisse unserer ZeitÒ anpassen und damit aushebeln wollen, Ÿberziehen sie alles mit ihrer penetranten, mitmenschlichen MoralitŠt: die armen Frauen, die nicht zu Diakoninnen, geschweige denn zu Priesterinnen werden kšnnen, das ãVolk GottesÒ, das bei Bischofsernennungen und in Glaubensfragen so wenig zu Gehšr kommt, die Laien, die nicht predigen sollen Ð und da sollte sich das mitmenschliche Herz nicht all dieser Zu-kurz-Gekommenen annehmen und mit schmerzlicher Betroffenheit erbarmen. Im Bewusstsein der eigenen MoralitŠt werden sie auch nicht mŸde, an die Brust ihrer Vorfahren zu klopfen und sich wohlig in dieser falschen Demut einzurichten statt etwa ãelitŠrÒ an die Wolken von Heiligen zu erinnern, welche die Kirche im Lauf der Jahrhunderte hervorgebracht hat.

Im politischen Bereich hat dieses moralisierende Gutmenschentum zu einer GesinnungsschnŸffelei gefŸhrt, der die Gesinnungsdiktatur auf dem Fu§ folgt.1 Auch bei rein sachlichen Wirtschafts- und Sozialfragen mŸssen unsere Politiker peinlich darauf achten, nicht mit den Regeln der political correctness in Konflikt zu kommen. Nur zwei Beispiele seien hier angefŸhrt. Obwohl es auf der Hand liegt, dass behinderte Kinder besser gefšrdert werden, wenn man sich in Sonderschulen ihrer annimmt und dort ausfŸhrlich auf sie eingeht , wird nunmehr die Inklusion von den berufenen Verfechtern der ƒgalitŽ als Menschenrecht verteidigt. Man will keinen Unterschied, obwohl dieser auf der Hand liegt. Das zweite Beispiel ist die Rolle der Frau als Mutter. Kaum ein Politiker kann es noch wagen, darauf hinzuweisen, dass es die vornehmste Aufgabe der Frau als Mutter ist, sich zu Hause ausgiebig ihren Kindern zu widmen statt aus GrŸnden der Selbstverwirklichung im BŸro oder in der Fabrik zu malochen.

Vor allem aber mŸssen sich unsere Politiker hŸten, in ihre Reden und Ansprachen allzu vertrauensvoll historische Exkurse einzuflechten. Ganz rasch kann es hier passieren, dass sie sich im Netz einer VergangenheitsbewŠltigung verfangen, die fŸr die Linken aller Couleur lŠngst zur PflichtŸbung geworden ist. Ihr Gewissen treibt die Moralisten aller Couleur, zu denen von Anfang an vor allem auch evangelische Kirchenobere gehšrten, auch heute noch bestŠndig um und umher, nach ãFaschistenÒ im eigenen Umfeld und in der ganzen Welt zu fahnden. Aber das gleiche Gewissen hat sie nicht an dem jahrzehntelangen unwŸrdigen Techtelmechtel mit den totalitŠren Schindern, Mauermšrdern und der ganzen roten Nomenklatura des Ostblocks gehindert. WŠhrend ein gro§er Teil des tschechischen und slowakischen Klerus in GefŠngnissen und sogenannten ãKonzentrationsklšsternÒ schmachtete, waren sich Karl Rahner und seine Kollegen aus der katholischen Paulus-Gesellschaft nicht zu schade, mit dem franzšsischen Edelkommunisten Roger Garaudy šffentlich Ÿber einen gemeinsamen Humanismus zu diskutieren.

Offenbar war das Gewissen zwar letzte Instanz, aber nur dazu geschaffen, lŠngst vergangene Greuel zu beweinen, die prŠsenten aber mit dem Mantel salbungsvollen pastoralen und humanistischen Geredes zu Ÿberdecken. Und wŠhrend unsere Gutmenschen in den Aufbaujahren der Bundesrepublik in stŠndiger Frontstellung gegen Adenauer und unter permanenter Berufung auf das Gewissen jede pragmatische und rationale Politik zu verhindern suchten, die ja zu gro§en Teilen in der Kunst besteht, von zwei †beln das kleinere zu wŠhlen, fŸhlte man sich durch das gleiche Gewissen berufen, aus angeblich rein pragmatischen GrŸnden mit den šstlichen Machthabern Beziehungen von unappetitlicher Herzlichkeit zu kultivieren.

 

Idolatrie des Gewissens

Es lŠsst sich also leicht erkennen, dass dieser penetrante Moralismus in Kirche und Welt hier und dort auf der gleichen Idolatrie des ureigenen Gewissens als letzter Instanz beruht, doch ebenso liegt es auf der Hand, dass uns in diesem kirchengeschichtlichen Augenblick vor allem diese Erhebung des Gewissens zum sakrosankten Fetisch im Bereich der Moraltheologie interessiert. Steht sie doch in einem streng logischen Zusammenhang mit dem Angriff auf ihre drei unverzichtbaren SŠulen und Prinzipien, gegen welche die heute kirchlich approbierten Moraltheologen in trautem Einklang mit den Medien und Teilen der Kirchenpresse nun schon so lange einen verbissenen Kampf fŸhren.

Bei diesen drei Prinzipien geht es zunŠchst einmal ganz einfach um das Recht des kirchlichen Lehramtes, in moralischen Fragen und damit auch solchen, die das Sexualleben betreffen, Vorgaben und Normen von unbedingter und ggfls. unter schwerer SŸnde verpflichtender GŸltigkeit zu verkŸnden. An sich ist das eine solche SelbstverstŠndlichkeit fŸr jeden Katholiken, dass man sich in frŸheren Zeiten fast geniert hŠtte, sie Ÿberhaupt zu notieren. Heute ist die Lage eher umgekehrt, und zwar so, dass sich eine gro§e Zahl, wenn nicht gar die Mehrzahl auch der sogenannten ãpraktizierendenÒ Katholiken den Standpunkt einer der gro§en linksliberalen Tageszeitungen zu eigen machen, nach der der Papst mit den Schlafzimmergeheimnissen der Leute nicht zu schaffen habe. Von jeder Mitschuld an dieser Erosion des Glaubensbewusstseins in einem seiner entscheidenden Momente, nŠmlich der vollkommenen Unterwerfung unter das Sittengesetz und damit auch das Gesetz Christi, der die Kirche schon deshalb zur Sachwalterin dieses Gesetzes gemacht hat, weil sie nichts anderes als der fortlebende Christus ist, wird man die Bischšfe wie gesagt nicht freisprechen kšnnen. Denn es bedarf keiner blo§en Prophetengabe und man braucht sich vor allem auch den Ÿblen Vorwurf einer Aversion gegen die Bischšfe nicht gefallen zu lassen, um zu sehen, dass das Ausspielen des Gewissens gegen ãHumanae vitaeÒ und ãFamiliaris consortioÒ jene zwei katastrophalen Folgen haben musste, die wir allenthalben im kirchlichen Raum registrieren und die natŸrlich vor der Familiensynode besonders virulent sind.

Das ist erstens die Zerstšrung der Rechtssicherheit auch in wichtigsten moralischen Fragen, besonders bei der Beichte, wo kaum noch einer etwas mit dem Unterschied von leichter und schwerer SŸnde anfangen kann, wobei dieser Schaden nur insofern begrenzt ist, als man nicht mehr zur Beichte geht. Das ist zweitens ganz allgemein der Eindruck, dass die Kirche auch in wichtigen moralischen Fragen ihrer Sache nicht mehr sicher ist und mit gespaltenen Zungen redet, der vor allem durch den lauthals ausgetragenen Streit vor und wŠhrend der vorbereitenden Familiensynode unertrŠglich verschŠrft worden ist.

Und damit stehen wir schon bei dem zweiten Grundprinzip der katholischen Morallehre, das eine nicht zu unterschŠtzende Zahl progressiver Moraltheologen heute mit besonderem Elan bekŠmpft. Das ist die SelbstverstŠndlichkeit, dass es in sich schlechte Handlungen gibt, die auch durch noch so viele mildernde BegleitumstŠnde nichts von ihrer wesenhaften Schlechtigkeit verlieren. Offenbar muss man erst Fachmann sein, um an dieser SelbstverstŠndlichkeit seine ãwissenschaftlich begrŸndetenÒ Zweifel anmelden zu kšnnen.

 Und damit sind wir schon bei dem dritten Grundsatz, der nicht nur fŸr die Moraltheologie, sondern fŸr jede philosophische Ethik von ausschlaggebender Bedeutung ist. Wir meinen den einsichtigen Grundsatz, der schon von den Griechen und Ršmern und dann von den Philosophen des christlichen Abendlandes in seiner ganzen tiefen Bedeutung entfaltet wurde, dass das sittlich gut ist, was der menschlichen Natur entspricht, wobei stets vorausgesetzt wurde, dass unter der ãmenschlichen NaturÒ das Ganze und ganzheitlich bestimmte, geistbestimmte Wesen des Menschen zu verstehen ist, wie das schon in der berŸhmten Definition des Aristoteles vom Menschen als ãanimal rationaleÒ zum Ausdruck kommt. Das ist der nŠchste, der jedem denkenden Menschen Ð ob Heide oder Christ Ð unmittelbar zugŠngliche Ma§stab sittlichen Handelns. Denn wo anders sollten diese Ma§stŠbe begrŸndet sein als in der menschlichen Natur und dem, was ihr geziemt, wobei beim Christen hinzukommt, dass wir diese Natur als TreuhŠnder Gottes geschenkt bekommen haben.

Gewi§ mag es im Einzelfall nicht immer leicht sein, zu entscheiden, ob eine Handlung in diesem Sinne natur- oder wesenswidrig ist, ob sie gegen die WŸrde der menschlichen Natur und damit auch gegen den Willen des Schšpfers verstš§t, der uns diese Natur zu treuen HŠnden Ÿbergeben hat. Aber wo sollte auf der anderen Seite der Ma§stab dafŸr sein als wiederum in der menschlichen Natur selbst! Denn was wir brauchen, um richtig entscheiden zu kšnnen, ist doch ein objektiver Ma§stab, der in einer objektiven Wirklichkeit begrŸndet ist. Als katholische Christen sehen wir diese Natur zudem im Lichte der gšttlichen Offenbarung, wie sie uns vom lebendigen Lehramt vor Augen gestellt wird, wobei aber diese Offenbarung im Sinne des ãgratia supponit naturamÒ durchaus an die natŸrliche Ethik und ihre Einsichten in das unverŠu§erliche Wesen des Menschen und damit den inneren Unterschied guter und schlechter Handlungen anknŸpft.

Hieraus ergibt sich schon, dass die innerkirchlichen Wegbereiter einer neuen, bisher in der Kirche unerhšrten und unbekannten Autonomie des Gewissens, die es als absolute Instanz noch Ÿber jene drei unabdingbaren GrundsŠtze stellen, ja es zum Schiedsrichter machen, ob diese im Einzelfall gelten sollen, ihm in Wirklichkeit einen BŠrendienst erweisen. Denn sie bŸrden ihm die Beweislast auf, die ansonsten jene drei Prinzipien haben. Wenn die kirchliche Morallehre nicht mehr unbedingt und in jedem Einzelfall gelten soll und wenn es auch nicht mehr unbedingt feststeht, was in sich gut und bšse ist, sondern auch das aus der Situation heraus zu entscheiden ist: woher soll das Gewissen dann seine Ma§stŠbe nehmen, um hier und jetzt die richtige Entscheidung zu treffen? Wird es so zur letzten Instanz, die auch noch Ÿber die Geltung aller denkbaren und uns bekannten Ma§stŠbe zu entscheiden hat, dann begibt es sich aller rationalen Ma§stŠbe, an die sich eine sittliche †berlegung halten kšnnte. Den Mechanismus dieser Dialektik, in der aus der totalen Freiheit und absoluten Autonomie des Gewissens die totale WillkŸr wird, hat Hegel in seinen ãGrundlinien der Philosophie des RechtesÒ sehr genau aufgezeigt.2 Am Ende entscheidet dieses absolute Gewissen Ð aufgerufen, aus der Logik des Einzelfalles zu entscheiden, und beim Handeln geht es immer um EinzelfŠlle Ð allein aus seinem momentanen Impuls heraus. Und es bedarf keines gro§en Scharfsinnes, um auszumachen, dass dieser Impuls de facto immer mit der jeweiligen Neigung identisch ist: der Stimme des Herzens oder auch nur der Leidenschaft, das zu tun, was uns gerade zu tun beliebt.

Und damit zeigt sich die wahre Sto§richtung all dieser hohen und humanistisch klingenden Phrasen Ÿber die WŸrde und den Rang des Gewissens. Gemeint ist mit dieser Berufung auf ein Gewissen, das man aller einsichtigen und gŸltigen Ma§stŠbe beraubt und damit um seinen Rang als ErkenntnisfŠhigkeit gebracht hat,3 selbstverstŠndlich die totale Freiheit und Emanzipation des Individuums, vor allem in den Intimbereichen des kirchlichen Lebens, von aller und besonders der kirchlichen ãBevormundungÒ. Diese Freiheit, die auf das neue Evangelium der MŸndigkeit des Christenmenschen pocht, das uns heute weithin als die zeitgemŠ§e Form der Moraltheologie verkauft wird, gibt sich selbst ihr eigenes Gesetz, das in dem genannten Intimbereich zur beliebigen Spielregel verkommt.

Niemand wird den Bischšfen unterstellen, dass sie solche Tendenzen unterstŸtzen wollen. Aber diejenigen unter ihnen, die nunmehr sogar die Befindlichkeit des heutigen Menschen als dritte theologische Erkenntnisquelle neben Schrift und Tradition etablieren wollen und mit ihrer Nachgiebigkeit gegenŸber dem angeblichen Recht des Gewissens, aus der jeweiligen Situation heraus zu entscheiden, de facto die weltweite Abdankung der katholischen Moral unterstŸtzen, sollten sich darŸber im Klaren sein, dass sie so unfreiwillig den Sieg des Utilitarismus unterstŸtzen, der ohnehin schon zur fŸhrenden Ethik der westlichen Welt geworden ist und nunmehr Ð flankiert von dem Beifall der progressiven Theologie Ð ungehindert in die Kirche einzustršmen scheint. FŸr ihn ist das Ziel des menschlichen Lebens nicht mehr die Ehre Gottes, sondern das grš§te GlŸck der grš§ten Zahl; aber ãGlŸckÒ wird hier nur noch als fŸhlbares Wohlbefinden, als Lust oder Spa§ am Dasein verstanden. Dem nachdenklichen Betrachter der ZeitlŠufte sind die Konsequenzen einer solchen Ethik lŠngst bekannt: der Totschlag der Kinder im Mutterleib, die Freigabe der Euthanasie und die Pansexualisierung der Kinder schon im Grundschulalter.

 

Vergiftete MŸndigkeit

Man spricht vom ãmŸndigÒ gewordenen Gewissen. Aber da lachen ja die HŸhner, oder, um es vornehmer mit Juvenal zu sagen: difficile est satiram non scribere! Wir leben unter lauter Agnostikern, die sich gerade durch ihre negativ skeptische EinschŠtzung der Mšglichkeiten der menschlichen Erkenntnis dazu animiert fŸhlen, der eigenen emanzipatorischen MŸndigkeit und Autonomie die ZŸgel schie§en zu lassen und in Abwesenheit aller einsichtigen und damit verbindlichen Ma§stŠbe unaufhšrlich Freiheit mit WillkŸr zu verwechseln, die sich selbst ad absurdum fŸhrt. Und diese Diagnose gilt leider auch fŸr viele der tonangebenden WortfŸhrer der Trendwende, die in der nach konziliaren Kirche stattgefunden hat.

Auf der einen Seite ist man seit der Verabschiedung der philosophia perennis, der Scholastik, selbst weitgehend zum Agnostiker geworden. Man hŠlt nichts mehr von Gottesbeweisen, natŸrlicher Ethik und Naturrecht im klassischen Sinne, sondern sucht sich Philosophen seiner Wahl aus, die einschlie§lich der Hermeneutiker allesamt auf den Schultern Kants stehen. Man erwŠrmt sich also fŸr die HerabwŸrdigung der natŸrlichen Mšglichkeiten der menschlichen Vernunft, die nicht so sehr durch Luthers Lehre von der ãnatura corruptaÒ, sondern durch Kant und Poppers Kritischen Rationalismus bestimmt ist. Andererseits hŠlt man es auch in Glaubensdingen nicht mehr mit den klassischen theologischen Erkenntnisquellen Schrift und Tradition. Jene fŠllt weitgehend der historisch-kritischen Exegese zum Opfer, und von dieser und ihrer nach konziliaren Rezeption wollen wir erst gar nicht reden! Hinzu kommt heute ein Widerwille gegen tiefer dringende, nunmehr angeblich fruchtlose theologische ãSpekulationÒ, der sich in dem inzwischen schon geflŸgelten Wort ausspricht, es komme nicht so sehr auf die ãOrthodoxieÒ, sondern vielmehr auf die ãOrthopraxieÒ an.

Das Ergebnis ist auch hier eine MŸndigkeit, die sich in immer neuen, ohne jedes Netz konstruierten theologischen EntwŸrfen und Genitiv-Theologien austobt, die auch noch in ihrer modischen, kultur- und gesellschaftskritischen Distanz zum Zeitgeist von ihm geprŠgt sind. Denn hier Ÿberall ist wiederum Hegel Recht zu geben, dass die auf die Spitze getriebene und zum Selbstzweck gewordene Autonomie des Individuums dieses zum willenlosen Spielball macht und zur Ohnmacht verdammt.

Die Entwicklung zeigt sich auch in den Heerscharen theologischer Analphabeten, die heute, ohne jedes substantielle Glaubenswissen aus den weiterfŸhrenden Schulen entlassen, als ãmŸndig gewordene ChristenÒ immer mehr Rechte in der Kirche fŸr sich beanspruchen. ZwangslŠufig ergeben sich alle weiteren WidersprŸche aus diesem Grundwiderspruch zwischen Emanzipation und Wahrheits- bzw. Erkenntnisverzicht. Sie sind neuerdings mit der ganzen âMenschheitÔ unterwegs auf dem Wege zur Wahrheit, Ÿbersehen jedoch dabei, dass man sie, auch wenn man noch auf der Suche nach ihr ist, schon gefunden haben muss, um nicht in die Irre zu gehen. In diesem Sinne war schon Lessings Suchen um des Suchens willen ein Aberwitz, der nur der AufklŠrung einfallen konnte. Je weniger sie nach dem Ende der ãOrthodoxieÒ und der Minimalisierung der GlaubensfŸlle zu sagen haben, umso mehr reden sie, ja sie dialogisieren ohne Unterlass in âStuhlkreisenÔ und ohne sie, obwohl doch der Kampf gegen alle ãfundamentalistischen WahrheitsansprŸcheÒ diesen Dialog zum blo§en belanglosen Austausch von subjektiven Meinungen werden lŠsst.

Der Widerspruch ist also genau darin zu suchen, dass alle einen nahezu unendlichen Wert auf ihre Ansichten Ÿber Gott und die Welt, Ÿber die Kirche und deren Stellung in dieser Zeit legen, sowie darauf, dass sie diese Ansichten ungehindert ãeinbringenÒ dŸrfen, und dass zugleich dieser Austausch von Ansichten immer wertloser wird, weil es eben nur Ansichten sind und auch nichts anderes sein sollen. In unserem ethischen Bereich zeigt sich dieser Widerspruch darin, dass sich alle mit hšchstem Pathos auf ihr Gewissen berufen, wŠhrend doch jeder das tut, was er persšnlich fŸr richtig hŠlt.

Immerhin, so kšnnte man diesen Aufstellungen entgegenhalten, gewinne der Einzelne in dieser seltsamen Verbindung von Emanzipation und Erkenntnisverzicht einen unvergleichlichen Stellenwert. Denn er sei nun nicht mehr blo§ Spiegel ein und derselben Wahrheit, die auch allen anderen zugŠnglich ist, sondern TrŠger hšchst origineller, ureigener Ansichten, durch die er sich von allen anderen und deren Eigenwilligkeit unterscheiden kšnne. Doch in Wirklichkeit treibt jene seltsame Situation den Demokratismus wie eine SumpfblŸte aus sich hervor. Die Wahrheit muss nunmehr auf dem Umweg Ÿber die Mehrheitsmeinungen ermittelt werden, und damit wird der Einzelne zu einem Summanden in einem Meinungspool degradiert, dessen Durchschnittswert gilt.

 

Anmerkungen

 

1 Vgl. dazu Arnold Gehlen: Moral und Hypermoral. Frankfurt am Main 1969.

2 Vgl. dazu die Ausgabe der ãGrundlinien der Philosophie des RechtsÒ in der Reclam-Bibliothek, die der kathol. Philosoph Bernhard Lakebrink besorgt hat. Lakebrink, einer der fŸhrenden KŠmpfer gegen die nachkonziliare Aufweichung, dem wir das wichtige Werk: ãDie Wahrheit in BedrŠngnisÒ (Stein am Rhein 1986) verdanken, kommt zu dem Ergebnis, da§ ãder platonisch-christliche Geist der Hegelschen Geschichtsmetaphysik unŸbersehbar istÒ.

3 Vgl. zu diesem Erkenntnischarakter des Gewissens: Josef Pieper. Die Wirklichkeit und das Gute. 6. Aufl. MŸnchen 1956; Traktat Ÿber die Klugheit. 7. Aufl. MŸnchen 1956.

 

 

SCHMUCKBILDER

 

D…PFNER.JPG

Nachdem ãHumanae vitaeÒ die kŸnstliche VerhŸtung fŸr Katholiken verboten hat, šffnen die deutschen Bischšfe in ihrer ãKšnigsteiner ErklŠrungÒ eine HintertŸr: Die Entscheidung Ÿber VerhŸtung sollten Eheleute ihrem ãGewissenÒ Ÿberlassen. …ffentlich wird das pastorale Wort, das vorrangig vom MŸnchner Kardinal Dšpfner (1913Ð1976) initiiert wird, als ãgrŸnes Licht fŸr die PilleÒ interpretiert.

 

BISCH…FE.JPG

ÈVon jeder Mitschuld an der Erosion des Glaubensbewu§tseins wird man die Bischšfe nicht freisprechen kšnnen.Ç

 

FRANZISKUS.JPG

ÈEs ist der Eindruck entstanden, da§ die Kirche auch in wichtigen moralischen Fragen ihrer Sache nicht mehr sicher ist und mit gespaltenen Zungen redet.Ç

 

 

S†NDE.JPG

ÈDie Freiheit, die auf das neue Evangelium der MŸndigkeit des Christenmenschen pocht, das uns heute weithin als die zeitgemŠ§e Form der Moraltheologie verkauft wird, gibt sich selbst ihr eigenes Gesetz.Ç

 

 

PR€LATEN.JPG

ÈEs gibt PrŠlaten, die sogar die Befindlichkeit des heutigen Menschen als dritte theologische Erkenntnisquelle neben Schrift und Tradition etablieren wollen.Ç

 

 

SCHMUCKZITATE

 

 

ÈDie Konsequenzen der Spa§-Ethik sind lŠngst bekannt: der Totschlag der Kinder im Mutterleib, die Freigabe der Euthanasie und die Pansexualisierung der Kinder schon im Grundschulalter.Ç

 

 

ÈWoher soll das Gewissen dann seine Ma§stŠbe nehmen, um hier und jetzt die richtige Entscheidung zu treffen?Ç Quelle: Kirchliche Umschau Juni 2015

Eingestellt in dankbarer Erinnerung an unser Mitglied Prof. Dr. Hoeres, dessen letztes Buch, ãDie verratene GerechtigkeitÒ im MŠrz 2016 erscheinen wird.  ãÉSo versucht die heutige Theologie, die Barmherzigkeit Gottes gegen seine Gerechtigkeit auszuspielen, was  in einer Los-von-Gott-Bewegung mŸndetÉÒ(s. www.patrimonium-verlag, ISBN 978-3-86417-056-0)

FŸr den Katholikenkreis: Werner Rothenberger, Gabriele Freudenberger,

Hubert Hecker, Dr. Dieter Fasen

Mail: dfasen@drfasen.de