Der ‚Mikrokredit’ für kleine Leute ist eine Erfindung des Mittelalters    (16.03.2014)

Gegen die Habgier der Reichen und die Ausbeutung der Armen predigten die Kirchenväter das biblische Zinsverbot. Aber ein allgemeines Zinsverbot kann man aus dem Evangelium nicht herleiten. Von Hubert Hecker

 

Umstrittene Zinsnahme in der Antike

In der Antike waren Zinsen auf Geldverleih verpönt. Der Philosoph Aristoteles (+322) verurteilte die mühelose Geldzinsnahme als unmoralisch. Im Gegensatz zu Profiten  bei Gewerbe- und Handelsgeschäften entspreche dem Zinsnehmen keine Gegenleistung der Geldgeber.

Im Alten Testament – in den Gesetzesbüchern wie bei den Propheten – wird die Zinsnahme „gegen einen Armen aus unserm Volk“ als schwere Sünde betrachtet. Einschränkend heißt es im Buch Deuteronomium 23,2f:
„Von deinem Bruder, der neben dir wohnt, darfst du keine Zinsen nehmen – weder für Geld noch für Getreide. Doch von einem Ausländer darfst du Zinsen nehmen.“

Keine Unterscheidung zwischen In- und Ausländern im Neuen Testament

Jesus Christus dagegen zielt mit seinem Gebot der Nächsten- und Feindesliebe auf die Einbeziehung aller Menschen. In der Bergpredigt nach Lukas 6,35 fordert er die Jünger auf, „Gutes zu tun und zu leihen, ohne etwas zurückzuerwarten“. Er erwartet als „neue Gerechtigkeit“ mehr als Wohlwollen auf Gegenseitigkeit. 

Ist daraus ein striktes Verbot einer ökonomischen Zinspraxis zu folgern?

Eher nicht. Denn im Gleichnis von den Talenten nach Matthäus- und Lukas geht Jesus wie selbstverständlich von einer Zinswirtschaft aus:
Der träge Knecht wird getadelt, weil er das anvertraute Geld beim Geldverleiher nicht mit Zinsen vermehrt hätte.

Die Kirchenväter prangern Geiz und Gier der Reichen an

In diesem Sinne bestätigte der oströmische Codex Justinianum im 6. Jahrhundert die zivilrechtliche Praxis von bis zu sechs Prozent Zinsen unter Vermögenden. Bei hohem Risiko – für die Transportschiff-Fahrt auf hoher See beispielsweise – wurde der doppelte Zinssatz zugestanden.

Problematisch und umstritten blieb der Zins für ärmere Bevölkerungsteile und Bauern. Da bei einem Kredit für die Landwirtschaft immer mit dem Risiko einer schlechten Ernte oder gar Ernteverlust gerechnet werden musste, war der geforderte Zins für diese Kredite deutlich höher, was oft als Wucher empfunden wurde. Wenn dann tatsächlich eine Missernte eintrat, wurden die Kreditnehmer gepfändet, vertrieben oder gingen in Schuldknechtschaft.

Diese Situation war der „Sitz im Leben“ für die zahlreichen Predigten und Traktate von Theologen gegen den Wucherzins. So geißelten Bischof Ambrosius von Mailand (+397) oder  Papst Leo der Große (+461) die Zinsausbeutung der Armen durch die Reichen: Sie prangerten Geiz und Gier der Reichen an, wenn sie Almosen an die  Armen – und damit Christus selbst – verweigerten, sondern für ihre erwarteten Gaben sogar noch Wucherzinsen verlangten. Die Predigten standen unter dem biblischen Motto: „Hütet euch vor jeder Art von Habgier!“ – so in Lk 12,14.

Das alte Lied: Untätige Zinsnehmer plündern Schaffende aus

Durch die Wirren der Völkerwanderungszeit im Frühmittelalter kam der Handel – und damit auch Geldgeschäfte – in Europa weitgehend zum Erliegen.

Erst zwischen dem 9. und 11. Jahrhundert erfolgte ein deutlicher Wandel von der Selbstversorgungswirtschaft  zur Markt- und Geldökonomie.

Diese Übergangszeit war begleitet von krisenhaften Entwicklungen in der Ökonomie. Es häuften sich die Klagen der kleinen Leute wie Bauern und Handwerker über Wucherzinsen von skrupellosen Geldverleihern.

Das alte Klagelied des Aristoteles trugen nun die Bauern und Handwerker vor:

Die Stadt- und Landleute arbeiten sich den Rücken krumm in Feld und Werkstatt. Doch bei der Ernte ihrer Arbeit verlangt der Geldverleiher bis zu einem Drittel der Erträge, ohne selbst auch nur einen Finger krumm gemacht zu haben.

Kredit- und Wechselgeschäfte führten zu größerem Wohlstand

Als Geldhändler traten damals hauptsächlich Norditaliener auf – die Lombarden-, daneben Juden und südfranzösische Cauvercini oder Kawerschen, benannt nach der südfranzösischen Stadt Cahors.

Zwischen 1150 und 1250 wurde in zahlreichen Konzilien, Synoden und  Dekreten die Zinsausbeutung der kleinen Leute verurteilt als Sünde gegen die christliche Barmherzigkeit wie auch als weltliches Wucherverbrechen geächtet.

Zum Spätmittelalter hin weiteten sich  Handelsverkehr und Handelsmessen aus, große Handelsorganisationen wie Gilden und die nordeuropäische Hanse entstanden. Dabei zeigte sich, dass Kredit- und Wechselgeschäfte unter den Handelsleuten sogar zu größerem Wohlstand verhelfen konnten.  Das mag der ökonomische Hintergrund sein für eine wegweisende Unterscheidung, die im Hochmittelalter getroffen wurde:

Unterscheidung zwischen Wucherzins und berechtigtem Geschäftszins

Schon auf dem IV. Lateran-Konzil von 1215 unterschieden die Dekrete zwischen „usura“ – dem verfluchten Wucherzins – und dem berechtigten „interesse“, dem erlaubten Zinssatz. Im Spätmittelalter wurde ein Geschäftszins von 6 Prozent in England und Frankreich als „interest“ bzw. „interêt“  allgemein akzeptiert.

Mit Thomas von Aquin wurde die Liste der erlaubten Nutzungsprämien erweitert auf Mietzins, Bodenzins, Rentenkauf, Gewinnbeteiligung und Schadensersatz.

In der Tendenz wurde der Zins nicht mehr als die verbotene „Frucht des Geldes“ gesehen, wie Aristoteles meinte, sondern als ein ökonomisch und moralisch berechtigtes Äquivalent für Verlustrisiko, entgangenen Nutzen und Gewinnteilhabe. So ist es bis heute.

Der Mikro-Kredit für kleine Leute wurde von den Franziskanern erfunden

Im 15. Jahrhundert hatte sich die Kredit- und Zinsdebatte so weit entspannt, daß sogar der Franziskanerorden sich in das Geldverleihwesen einschaltete:

Die Minderbrüder errichteten in den großen Städten Italiens Pfandleihhäuser für kleine Leute. Bei Hinterlegung eines Pfandes und gegen eine geringe Gebühr gaben die „montes pietates“  Kleinkredite an die ärmere Bevölkerung aus.

Der heute wiederentdeckte  ‚Mikrokredit’ war also eine Erfindung des Mittelalters – dazu noch von kirchlichen Orden!

Diskussionsrückschritt in der Neuzeit

Mit der 1745 erschienenen Enzyklika „Vix pervenit“ versuchte Papst Benedikt XIV. (+1758) die Zinsdiskussion wieder zurückzudrehen. Der Papst versteifte sich auf die aristotelische Position, nach der jeder Zins grundsätzlich Wucher wäre. Ausnahmen wurden reduziert auf wenige Titel wie Rentenkauf. Auch die biblisch-kirchliche Lehre rückte in den Hintergrund, wonach das Zinsverbot vor allem gegen die Habgier der Reichen und die Ausbeutung der Armen gerichtet ist.

80 Jahre später gab Papst Pius der VIII. (+1830) an Bischöfe und Beichtväter die kryptische Formel aus: „Die Gläubigen sind wegen des Zinsnehmens nicht zu beunruhigen.“

Erst in der Enzyklika „Quadrogesimo anno“ (1931) von Papst Pius XI. (+1939) wird das maßvolle Zinsnehmen als Teil der Wirtschaftsaktivitäten wieder gewürdigt.

Heute: Kapitale Fehler der Hochfinanz

Die Wirtschaftskrisen des 20. Jahrhundert sowie die jüngste Finanzkrise zeigen, dass nicht Kredit und Zins, sondern Profitgier und kapitale  Fehler von Staat und Hochfinanz Auslöser dafür sind.