(11.8.2016)                                                                                                                                                         

Elendsliteratur mit anti-kirchlicher Schlagseite – Buchbesprechung (1)

Der Roman: „Armut ist ein brennend Hemd“ spielt in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Westerwalddorf Pottum. Der Heimatort der Schriftstellerin Annegret Held heißt in der Erzählung Scholmerbach. Mit der Lebensgeschichte der  beiden Freundinnen Finchen und Lina sowie deren Kinder Bettchen und Anna ist das Grundgerüst der Erzählung umrissen. Das Buch umfasst 367 Seiten.

Tatkräftige Frauen

Die Autorin beschreibt diese und andere Westerwälder Frauen als resolute und tatkräftige „Weibsleute“. Schon als junges Mädchen weiß Finchen eine Krötenpulversalbe herzustellen, die dem schwärenden Grind auf dem Kopf ihres kleinen Bruders abhilft. Mit zwanzig Jahren sagt sie: „Eysch will den Konrad – oder gar keinen Kerl!“ Auch ihre Freundin Lina ist die Aktivere, bis sie ihren Gottfried geheiratet hat. Auch als Ehefrau des Zimmermanns Konrad, als Mutter von sieben Kindern, bei ihrem Wirken in Haus und Stall, Hof und Feld zeigt Finchen Initiative und Tatkraft.

Nur einmal versagte sie in ihrer Sorge für die Ihren, als sie dem Lockruf eines Wanderhändlers nachgab. Dem vertraute sie ihre Tochter an. Für ein Contrakt-Geld von 30 Gulden sollte Bettchen in London Heiligenbilder verkaufen, aber vor allem in zweifelhaften Etablissements „hippen un danzen“. Doch nach einiger Zeit kamen Finchen Gewissensbisse. Die alte Frau stellte sich vor, dass sie bald vor den Richterstuhl Gottes treten müsste. Dann würde der Herrgott sie fragen: „Dou, Finche, dou! Wo es deine Tochter Elisabeth, wem hast du sie anvertraut, um wessen Sündengeld hast du sie verkauft?“  Dann würde sie antworten: „Nicht verkauft, Herr Jesu Christ, nur vermiethet, verdungen!“ Doch ihr halbherziger Entschuldigungsversuch würde sie nicht von ihrer Gewissensnot befreien. Deshalb schwor sich Finchen: „Dat muss heim, et muss wieder heim, hier nach Scholmerbach. Doch wie kriechen eysch das Kind wieder hierher?“ Dann fasste sie den Plan, den alten Spielmann Heens August zu überzeugen, ein letztes Mal nach London aufzubrechen, um das Bettchen zu suchen und heimzuholen. Die seitenlange Darstellung von Finchens geschicktem Vorgehen, den alten Heen für die Rückholung ihrer Tochter zu gewinnen, ist das Beste, was die Autorin zu Papier gebracht hat.

Bei den  Männern von Scholmerbach schildert die Autorin einige als auch ganz ordentlich, wenn sie sich um Arbeit und Familie kümmern. Aber vor allem fallen die „Kerle“ durch Angeberei in der Kneipe auf. Und dazu kommt das Laster der Säuferei. Dass der Konrad, Finchens Mann, zwar viel, aber nicht alles Geld ins Wirtshaus trägt, ist schon ein Kompliment für die Pottumer Mannskerle.  Viele bringen ihre Frauen und Kinder mit Bier und Schnaps in Gram und Grab, bevor sie selbst ins Gras beißen.

Die bisher erwähnten Darstellungen des Romans sind rein fiktional, denn zu ihrer Urururgroßmutter Josefine und den anderen Dorfleuten jener Zeit hatte die Autorin - bis auf Kirchbucheinträge - keinerlei Informationen. Die sozialen, ökonomischen, religiösen und politischen Dimensionen des Dorflebens suchte sie quellenbasiert zu schreiben. Diese Romanteile sollen also eher als Rekonstruktionen der historisch-realen Lebenswelt gelesen werden, also „wie es damals wirklich war“.

 

Elendsliteratur

Von 1845 bis ’47 erzeugte die Kartoffelfäule in ganz Europa soziale Krisen, aber unterschiedlich nach Regionen und sozialen Schichten. Im Rahmen der irischen Kartoffel-Monokultur starben damals eine Million Menschen an Hunger und Entkräftung. Dieses irische Elend überträgt die Autorin im verkleinerten Maßstab auf den Westerwald, wo ebenfalls die Menschen „wie die Fliegen gestorben“ seien. Aber so war es dort nicht.

Die Kartoffelkrise traf die Bevölkerung ganz unterschiedlich. Die dörfliche Unterschicht der Tagelöhner litt am meisten. Armutskrankheiten wie Schwindsucht traten stärker auf. Die Mehrzahl der Dorfbewohner aber kam mit ihren Gartenfrüchten an Obst und Gemüse, Sauerkraut und Kohlraben sowie Rüben aus dem Felde einigermaßen durch den Winter. Vor allem die Ernte des  eigenen Brotgetreides auf einem Streifen Land sicherte den meisten Dörflern das Überleben. Die mittleren und größeren Bauern konnten sich in der Kartoffelkrise sogar bereichern, da sie mit dem Kornverkauf den vierfachen Preis erzielten.

Als die Not im Frühjahr 1847 den Höhepunkt erreichte, konnten die örtlichen Schultheiße bei der herzoglich-nassauischen Regierung überseeisches Getreide ordern.  So wurden in allen Dörfern des Westerwaldes an die bedürftigen Familien monatlich jeweils bis zu 30 Brote ausgegeben. Und die Not machte erfinderisch: Man streckte das Brotgetreidemehl mit fein geraspeltem Dickwurz und verbuck es zu einem schmackhaften Rübenbrot. Es zeigte sich in allen Orten dörfliche Solidarität, indem die begüterten Familien die Kinder der Armen vom Dezember bis zur nächsten Ernte unentgeltlich zum Mittag- und Abendessen aufnahmen. In den Westewaldorten gab es bis zu hundert Wohltäter-Familien.

Aus historischer Sicht ergibt sich für die Zeit der Kartoffelfäule eine differenzierte Wirklichkeit von Not und Bereicherung, Erfindungsreichtum und Geschick, staatlicher und privater Wohltätigkeit. Die Autorin dagegen malt die Zeit der Kartoffelkrise zu einem düsteren Grau des passiven Hungerleidens aus: „Es herrschte die Armutei!“ Die Westerwälder würden die Not als bejammernswerte „Folge der Sünde Schuld“ hinnehmen. Dann walzt sie seitenlang den unsinnigen Vorschlag einer Zeitung aus, die faulen Erdäpfel zu trocknen und in Milch gekocht in sich hineinzuwürgen. In Wirklichkeit hatten die Landleute die vernünftige Idee, die angefaulten Kartoffeln zu Schnaps zu brennen, bevor sie eingelagert ganz verdarben. Das wurde sogar von der herzoglichen Regierung genehmigt und ist in Wiesbadener Archivakten nachzulesen.

Aber die Autorin ist in Recherche und Darstellung offenbar nur fokussiert auf die Überzeichnung von Elendsszenen. In einem SWR-Film zu ihrem Buch wird sie vor einem großen Haufen Sägemehl gezeigt. Aus solchem „Abfall“ hätten die Westerwälder „in den Hungerjahren um 1850 Brot gebacken. Und dann gab es noch Brot aus Rinde und dann fraßen sie Dreck und Gras und Asche.“

Die TV-Zuschauer sollten wohl erschüttert werden vor diesem Haufen Elend mit Namen Westerwald. Gemach! – möchte man da Frau Held zurufen. Ihr scheinen beim Schreiben dieser und anderer Sätze zum Fressen von Dreck und Verfaultem alle Realitäts-Sicherungen durchgebrannt zu sein. Auch dass die Dorfleute in der Kartoffelkrise in Massen gestorben seien, ist eher Ausfluss ihrer Elendsphantasie als damalige Westerwald-Realität.

In Rezensionen wird das vorliegende Buch überschwänglich als große Literatur hochgejubelt, gar mit überschäumender Sprachkraft. Dazu sind Zweifel angebracht. Auffällig ist, dass sich die Sprech-Verben weitgehend auf „sagen“ und „schreien“ beschränken. Die Häufigkeit von „Er/sie schrie“ liegt bei gefühlten 70 Prozent. Waren die Westerwälder wirklich solche Schreihälse und Krakeeler? Es ist anzunehmen, dass die Leute des 19. Jahrhunderts über eine ebensogroße Bandbreite der Sprechmodi verfügten wie wir Heutigen. Es sollte zur Kompetenz einer Schriftstellerin gehören, diese Sprech-Variationen in Verben auszudrücken.

Verzerrte Darstellung von Glaube und Frömmigkeit im Westerwald

In dem Westerwald-Roman wird viel gebetet und „es klapperten die Rosenkränze“.

Tatsächlich verzeichnen die Quellen eine wachsende Frömmigkeit in Stadt und Land während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Sichtbares Zeichen dafür war die Wallfahrt zum ‚Heiligen Rock’ nach Trier im Jahre 1844. Damals kamen mehr als 1,1 Millionen Fuß-Pilger innerhalb von zweieinhalb Monaten in die Bischofsstadt an der Mosel. Von der Lahn und den Dörfern des Westerwaldes gingen Prozessionen von jeweils 1000 Personen ab. Die größte Wallfahrt aus diesem Raum mit mehr als 6000 Katholiken, angeführt von elf Geistlichen,  kam aus dem Raum Montabaur. Im vorliegenden Roman wird von diesem religiösen Großereignis während der Erzählzeit jedoch nichts berichtet.

Das könnte seinen Grund darin haben, dass die Autorin mit vorgefassten Meinungen in Sachen kirchlicher Religion ihren Roman gestaltete. Aus den einschlägigen Passagen geht ihre Meinung hervor, die Leute in Pottum hätten dem Wirken Gottes eigentlich nichts zu verdanken. Nur an einer Stelle heißt es einmal von Finchen, der Roman-Protagonistin, sie habe die Gnade Gottes zu spüren bekommen, da sie doch einen guten und fleißigen Mann hätte. Auch ihre Tochter Bettchen hätte zu danken und zu büßen.

Mehrfach legt die Autorin den Pottumern das Wort in den Mund: Not und Elend im Ort seien von Gott geschickt als Strafe für der Sünde Schuld. Finchen meint: Der Herrgott straft unseren Ort für den ewigen Suff. Aber sie fügt gleich widersprechend hinzu: Aber wat kann eysch denn dofür, eysch han doch nicht gesoffen – nur an der Kirmes, ein wenig Spaß darf man doch haben … wo sonst nur Armutei und Säuerei, nur Dreck und Elend  herrschten. Aber auch ohne konkreten Sündenhinweis wird eine Missernte etwa als Gottesstrafe angesehen. Finchens Schwägerin Maria jammert bei der Entdeckung der Kartoffelkrankheit: Herrgottchenherrgottchen, warum hast dou uns dat angetan. Wat strafst dou uns denn so ohne Erbarmen?

Was die Autorin den Menschen des 19. Jahrhunderts zu sagen vorgibt, entspringt offenbar ihrer eigenen Phantasie aus dem 21. Jahrhundert. Jedenfalls muss man das aus einer Kommentar-Passage ihres Romans entnehmen, in der sie pauschal für alle Unwetter und Missernten, Krankheiten und Kindersterben Gott verantwortlich macht, was man 200 Jahre vorher vielfach Hexen im Bunde mit dem Teufel angelastet hatte:
Doch zur Strafe zerschlug ihnen der Herrgott Ernte um Ernte und es sah aus, als wollte er Scholmerbach  nur strafen und mit ihm alle Dörfer ringsumher, als wollte er sie endgültig ausradieren und erlöschen und ersäufen, es saute und es blitzte und es donnerte, es schüttete herab und es hagelte im Wintersturm, es zerschlug ihnen die Dächer und spaltete ihre Bäume und aus den finsteren Hütten krochen die Gichter, die Schwindsucht, das Nervenfieber und die Cholera, und der Würgeengel kam und drückt den Kindern die Kehlchen zu, der Tod raffte und raffte. Im nächsten Abschnitt spricht sie von dem verwüsteten Dorf, als wenn der Dreißigjährige Krieg gewütet hätte; und danach: Die Menschen verrecken und krepieren wie dey Fliegen.

Diese Katastrophen-Passage steht direkt unter der Überschrift „1853“, nachdem es dem Ort und Finchens Familie in den Jahren davor etwas besser gegangen sei. Zwölf Schulchroniken aus dem Unterwesterwald wissen für diesen Zeitraum nichts von solchen Unwettern und Missernten, auch nichts von einer Cholera-Epidemie. Die Autorin scheint die historische Wirklichkeit in geradezu apokalyptischen Dimensionen dramatisieren zu wollen (endgültig ausradieren, erlöschen und ersäufen…), um ihr dann den Charakter eines göttlichen Strafgerichts aufzudrücken. Und nicht nur der Würgeengel, der die Kinderkehlen zudrücken würde, erinnert an die alttestamentlichen Strafaktionen Jahwes gegen die widerborstigen Ägypter. Aber diese literarisch-religiöse Dramatisierung erscheint als unangemessen – sowohl bezüglich der vermeintlichen Schuld der damals frommen Westerwälder als auch in der Vernichtungswucht der angeblich göttlichen Strafaktion an den Gläubigen. Besonders perfide ist die Unterstellung der Autorin, Gott selbst würde den Würgeengel in die Westerwalddörfer schicken, um die Kehlchen der Kinder abzudrücken.  

Nun ist es in der Predigtliteratur bis in den Ersten Weltkrieg nachweisbar, dass Geistliche Kriege und Katastrophen als Strafaktion oder Gericht hinstellten.  Aber in jenen Reden war immer die Absicht zur Läuterung zu erkennen sowie die Mahnung zu Buße, nie eine endgültige Vernichtungsstrafe angesagt. Das Muster dieser Strafpredigten waren die Reden von Jona in Ninive und anderer Propheten: Wenn ihr aufrichtig Buße tut, dann wird Gott sicherlich Erbarmen zeigen. In diesem Sinne forderten die Prediger die Menschen auf, Buße zu tun sowie mit Bitten und Gebeten Gottes Barmherzigkeit zu bestürmen, um eine mögliche Strafe abzuwenden. Genau diese Pointe der Strafpredigten, die Orientierung auf Buße und das das vertrauensvolle Gebet fehlt in dem Roman.

Im Gegenteil legen verschiedene Romanpassagen nahe, dass sich Gott gerade nicht durch Bitten und Gebete von seinem gnadenlosen Kurs abbringen lassen würde: Eysch beten immer zoum Herrgott…, meint Finchen, aber der ist alleweil taub geworden von unserm Gekreische. Beim Tod ihrer Mutter lamentiert sie ungläubig: Eysch tät gern beten, aber der Herrgott macht ja doch, was er will. Der lässt sich doch von mir nichts sagen! Denn der Gott selbst würde die Mütter dahinraffen, da könnten mir arme Christenmensche auch nichts daran ändern. Also wat soll eysch hey noch auf die Knie fallen? Dat ändert gar naut!

Bei einer Wallfahrt hinauf zur örtlichen Liebfrauenkirche  stellt die Autorin das Verhältnis von Gott und Maria so dar: Wenn auch die liebe Gottesmutter sich dem Willen ihres Sohnes beugen musste, so konnte sie doch seine Auswirkungen mildern, wenn man sich an sie wandte. Da scheint er wieder auf, der strafende Willkürgott, der gegenüber dem inständigen Gebet nur kalte Abweisung zeigt, keine hinneigende Erhörung und kein Erbarmen gegenüber der Not der Menschen. Nur die Gottesmutter könne etwas mildernd einwirken.

Das ist allerdings nicht der Gott der Bibel und der Christen. Auf dem Altarwandfresko in der Dorchheimer St. Nikolauskirche von 1420, nur zehn Kilometer vom Heimatort der Autorin entfernt,  ist Christus als Weltenherrscher und Richter dargestellt. Links von seinem Haupt  ist  das Schwert der Gerechtigkeit gemalt, rechts davon die Lilie der Barmherzigkeit. Die in diesem Bild ausgedrückte  Lehre über Gottes Wesen und Wahrheit verkündete auch die Kirche des 19. Jahrhunderts und so lernten und glaubten es schon die Westerwälder Kinder aus dem Katechismus, also die Lehre über den gerechten Richter und zugleich barmherzigen Gott.

Neben dieser einseitigen Fixierung der Autorin auf einen angeblich unbarmherzigen Strafrichtergott  unterschlägt sie den Glauben an den Schöpfergott als „Geber aller guten Gaben“. Diese Glaubensdimension belegen sowohl die Unterweisungsliteratur als auch viele Zeugnisse der  Volksfrömmigkeit: Da sind die vielen kirchlichen Dankandachten, Danklieder, Dankgebete und Erntedank-Gottesdienste, die familiären Dankgebete morgens, abends und nach dem Essen sowie die vielen Votivtafeln des Dankes in den Liebfrauenkirchen und Kapellen des Westerwaldes.

Offensichtlich hat Frau Held zu den kirchlichen Grundlagen der Frömmigkeit ihrer Vorfahren ziemlich einseitig recherchiert, sonst könnte sie nicht solchen sakrilegischen Unsinn schreiben wie: Fine konnte nicht aufhören, das Bildnis des Herzogs (Adolph von Nassau) anzubeten und sich zu bekreuzigen und seinen Namen zu flüstern. Das lernte nun wirklich jedes Westerwälder Schulkind mit dem 1. Gebot: Du sollst allein deinen Herrn und Gott anbeten, alle andere Anbetung ist Götzendienst, erst recht eine Bilderanbetung wie bei den Heiden. Auch wurde den Kindern früh der Unterschied beigebracht, dass man nur Gott anbetet, aber zu Maria und den Heiligen um deren Fürbitte betet.

In weiteren Passagen gibt die Autorin die Volksfrömmigkeit des 19. Jahrhunderts der Lächerlichkeit preis: Bettchen liebte das Wort ‚gebenedeit’, weil sie nicht wusste, was es bedeutet. Mehrfach gebraucht die Autorin den Ausdruck: auf den Knien zur Liebfrauenkirche heraufrutschen, damit Gott es auch sah. Solche Rutschwallfahrten als Sichtbarmachung der Frömmigkeit waren im Westerwald nicht üblich. Finchen wollte sogar auf Händen und Füßen zum Heiligen Rock nach Trier kriechen. Unverstand zeigt die Autorin zu dem biblischen Wort Jesu, dass der Mensch die Ehe nicht scheiden soll, da sie im  Schöpfungsplan nach Gottes Willen zusammengefügt ist, wenn sie schreibt: Es war nicht Gott, sondern der Hansjakob, der die Hand der Grete gerafft hatte. Darüber hinaus wäre die Ehe von Hansjakobs und Gretchens Vater gestiftet und nicht vom Herrgott.

Helds einseitig-abschätzige Sicht auf kirchlich fundierten Glaubens- und Frömmigkeitsformen im 19. Jahrhundert wird vollends deutlich in einer Kontrastdarstellung, wenn sie esoterisch-magische Praktiken beschreibt. Die Dörflerin Bockersch Sanne geistert als Heil- und Glückbringerin durch den ganzen Roman. Bei einer Hochzeit soll ein Kräuterkränzlein Glück bringen und die bösen Geister vertreiben. Um Mitternacht vollzieht sie ein magisches Besprechensritual über Finchens Freund Konrad. Der war seit einem Kopfschuss im Napoleonskrieg nervenkrank. Bockersch Sanne spricht über ein Tuch mit einigen Blutstropfen von Konrad ihre Beschwörungssprüche – und am nächsten Tag ist Konrad für immer geheilt.

Tatsächlich kursierten im Westerwald des 19. Jahrhunderts Zauberformeln für Besprechensheilungen von Mensch und Tier, sogenannte weiße Magie oder helfende Hexerei. Der Punkt ist, dass die aufgeklärte Autorin diesem Aberglauben mit magischer Fernwirkung nach Art des Voodoo-Kultes sofortigen Heilerfolg zuschreibt, während sie die Gebete und den Glauben an Gottes Heilshandeln bei den frommen Westerwäldern als sinnlos oder lächerlich hinstellt.   

Sicherlich hat eine Schriftstellerin die dichterische Freiheit, in einem Roman die kirchliche Glaubens- und Lebenswelt von Katholiken einseitig und abschätzig hinzustellen, wie das heutzutage vielfach geschieht. Sie sollte dann aber den Lesern reinen Wein einschenken, dass ihre verzerrenden Erzählungen über kirchliche Glaubenspraxis nicht die historische Realität widerspiegelt. Wenn die Autorin andererseits betont, sie habe jahrelang in Archiven für ihre Erzählung recherchiert, dann muss man ihr vorwerfen: Bei der Beschreibung des kirchlich-religiösen Lebens im Westerwald des 19. Jahrhunderts hat sie die für einen historischen Roman gebotene Sorgfalt bei Recherche und Darstellung vermissen lassen. 

Frau Held scheut sich auch nicht, kontrafaktische Behauptungen gegen die Kirche und den damaligen Limburger Bischof aufzustellen. In einer dramatischen Schauergeschichte klagt sie die Kirche an, wofür die nicht verantwortlich war. Es ging dabei um die Beerdigungspraxis von Kleinkindern.

Finchens Schwester Hanne hatte in Koblenz eine Stellung in einem herrschaftlichen Hause angenommen. Aus einer Liebesbeziehung zu dem Hausherrn – wie sie im Roman sagt – gingen zwei Kinder hervor: Das Berthelchen starb mit zwei oder drei Jahren, ein Junge wurde tot geboren. Totgeburten hatten im 19. Jahrhundert in allen deutschen Ländern einen ähnlichen Status, wie heute Fehlgeburten unter 500 Gramm, die entsorgt werden. Damals wurden die Totgeborenen vom örtlichen Totengräber in einem abgesteckten Teil des Friedhofs eingegraben. Auch getaufte Kinder, die in den ersten Lebensjahren starben wie das Berthelchen, wurden vielfach zum Friedhofsgräber gebracht und von ihm im Kindergrabareal beerdigt.

Gegen diese Praxis lässt die Autorin Finchen und Konrad sich auflehnen. Sie sieht darin einen unseligen kirchlichen Einfluss. In Wirklichkeit war die Regelung vom Staat angeordnet, wie sich aus der Akte Beerdigung von Kindern im Diözesan-Archiv Limburg ergibt: Die Herzoglich-Nassauische Landesregierung hatte den Pfarrern per Edikt untersagt, bei Beerdigungen von allen Kindern unter sechs Jahren kirchliche Zeremonien vorzunehmen. In einem Mahnschreiben an das Limburger Domkapitel vom Februar 1830 stellte sie fest, dass insbesondere die Pfarrer des Westerwaldes immer wieder dagegen verstießen. Sie würden die verstorbenen Kinder einsegnen und den Leichenzug mit Geläut, Gebet, Gesang oder gar einer Grabrede begleiten. Das Bischöfliche Ordinariat wird angewiesen, diese Praxis sofort abzustellen.

Es ist demnach eine schaurige Luftnummer der Schriftstellerin, wenn im Roman Fine und Konrad mitternächtlich die Leiche des Berthelchen vom Kinderareal in ein Erwachsenengrab umbetten und dabei gegen Pfarrer, Bischof und Kirche wettern. Der richtige Adressat ihrer Beschimpfung hätte der Herzog sein müssen. Der aber wird von der Autorin durchweg als die weise und gute Obrigkeit hingestellt und von Fine sogar angebetet.

In diesem Zusammenhang überträgt Frau Held die heute gängige Allerlösungslehre, nach der ‚alle, alle in den Himmel kommen’, in die damalige Glaubenswelt: Für Finchen sei der Gedanke unerträglich, dass ihre verstorbene Schwester Hanne, die ledige Mutter von zwei Kindern, nicht sofort ins Paradies käme. Auch die katholische Lehre von dem Zwischenstadium eines Reinigungsortes, wo die Sünder-Seelen geläutert werden wie im Feuer (Fegfeuer), stellen Autorin und Finchen in Frage - mit der Begründung: … da isset so heiß. Und da sie im Alter zur Sicherheit jeden Tag den Rosenkranz gebetet hatte, glaubt Frau Held auch ganz sicher zu wissen, dass Fine niemals ins Fegefeuer kam, sondern stracks durchs Himmelstor ins Paradies einmarschiert sei.

Hubert Hecker