„Mainz wie es singt“.  Zur Verabschiedung von Kardinal Lehmann                                           (1.6.2016)

 

Zur Verabschiedung von Herrn Kardinal Karl Lehmann wurde im Mainzer Dom ein Pontifikalamt mit geladenen Gästen gefeiert. Dazu ein Kommentar des Hamburger Chirurgen Professor Dr. Gross.

 

    „Mainz wie es singt“ so lautete  die Unterschrift unter dem Aufmacherfoto der FAZ am 17. 5. 2016, das Kardinal Lehmann bei dem Pontifikalamt zu seinem Abschied am Pfingstmontag im Mainzer Dom vor dem Volksaltar zeigt: thronend zwischen dem Nuntius zur Rechten und Kardinal Marx zur Linken, vor ihm kniend ein höherrangiger Messdiener, der das Messbuch aufgeschlagen hält, aus dem der Kardinal offenkundig einen liturgischen Gesang vorträgt. Nichts könnte Kardinal Lehman und seine Kirche besser charakterisieren als diese Bildunterschrift „Mainz wie es singt“. Ob der FAZ Redakteur mit seiner gelungenen Formulierung über das Singen und Lachen der Mainzer Fassnacht hinausgedacht  und den Kritikern der „Lehmann Kirche“ Codewörter geliefert hat, oder ob er nur die Leutseligkeit des Kardinals, auch und gerade an Fassnacht, im Blick hatte, wissen  wir nicht. Die Codewörter begründen  gleichsam, warum Kardinal Lehmann es anlässlich seiner Abschiedsfeier auf die erste Seite der FAZ gebracht hat, und warum die Medien ihn und dieses Ereignis mit einer so großen  Aufmerksamkeit bedacht haben. Denn Kardinal Lehmann ist das Gesicht und der Promotor der Neuen Kirche, einer Kirche, wie die  Gesellschaft sie sich wünscht, und wie sie zum großen Teil in der protestantischen Kirche schon  längst Wirklichkeit geworden ist.

     Diese Zuwendung  zur  Welt war bei dem Abschiedsgottesdienst gut zu beobachten und ist in der Neuen Kirche selbst schon rituell verankert: Der Altar ist in den Hintergrund geraten und hat Platz gemacht für eine Bühne, die der Kardinal für sich beansprucht, um zu den geladenen Gästen und zu dem übrigen Volk  zu sprechen. Dass nicht einmal die Residuen der Liturgie der Hl Messe im Novus Ordo von vielen verstanden werden, konnte man an dem Verhalten der Besucher sehen. So ist die Liturgie bei solchen Gottesdiensten zur reinen Staffage verkommen. Dass auch der sakrale Raum missbraucht wird, ist die zwangsläufige Folge: Er funktioniert nur noch als Versammlungsraum und dient der Kirche und Politik als sichtbares Zeichen der Vergewisserung, wie nahe sich beide sind und wie gut die Kirche den Belangen der Politik folgt: letztlich für wie bedeutungslos die Neue Kirche selbst das Evangelium hält und es marginalisiert, banalisiert und damit mißbraucht. Es ist dies immer das gleiche Muster: seien es ökumenische Gottesdienste wie in der St. Hedwigs Kathedrale in Berlin oder Trauerfeiern wie nach der Love Parade in Duisburg oder nach dem Flugzeugunglück der Germanwing oder jetzt im Mainzer Dom: Nur dass man im Unterschied zu jenen Anlässen hier Lobreden auf das Geburtstagskind hielt und fleißig klatschte.

     Und die Welt hat allen Grund Beifall zu klatschen: Denn der Kardinal hat, wie es ein Besucher auf dem Domplatz sagte „alles mitgemacht, was die Welt sich so gewünscht hat“. Dabei erwähnte der Besucher zwar nur den Gottesdienst im Fußballstadion und die Fassnacht, meinte aber wohl sicher unausgesprochen auch, was die Welt sich sonst noch so wünscht. Denn des Kardinals großes  Anliegen war es die katholische Kirche mit der Moderne zu versöhnen. Und die Moderne steht auch für eine allgemeine utilitaristische Ethik. So profilierte sich Kardinal Lehmann nicht von ungefähr im Widerstand gegen Rom in der Frage der Abtreibung als Ergebnis einer Beratung.

   Die Welt freut sich auch über seine Vorstöße in der Thematisierung des Diakonates der Frau und der Zulassung von Wiederverheirateten zur Kommunion und über seine Sicht  der Ökumene als alternativlosen Weg. So hat Kardinal Lehmann schon seit langem vorgemacht, was nun von Papst Franziskus nachvollzogen wird, und hat manche Gläubige unter Missachtung des Lehramtes wohl nicht weniger verwirrt als der jetzige Papst.

   Für den desaströsen Zustand der katholischen Kirche in Deutschland  trägt somit auch Kardinal Lehmann als langjähriger Vorsitzender der DBK Verantwortung. Er hat sich mit der Welt gemein gemacht und sich wohlwollend von ihr vereinnahmen lassen, wollte kein Spielverderber sein und hat folglich mit ihr gesungen und gelacht. „Mainz wie es singt“ bekommt so eine Bedeutung, die weit über Fassnacht hinausgeht.