Textfeld:  Der hl. Georg – zeitgeistig verdreht                                                                                                                                                                                     (27.12.2015)

Das Bistum Limburg hat ein neues St. Georgs-Logo für Kinder vorgestellt. Der heilige Georg wird seit dem 10. Jahrhundert im Limburger Land verehrt. Er ist der Patron des Limburger Doms und des Bistums.

Georg als Martyrer des Glaubens…

Der historische Georg starb als Martyrer am 23. April im Jahre 303 n. Chr. bei der großen Christenverfolgung unter Kaiser Diokletian. Das bezeugte der Kirchenvater Eusebius, ein Zeitgenosse des Hingerichteten. Georg setzte sich für andere verfolgte Christen ein, wurde selbst gefoltert, blieb aber seinem Glauben bis in den Tod treu. In seinem Lebens- und Sterbensraum, Palästina-Syrien-Kleinasien, etablierte sich im vierten Jahrhundert die Verehrung des Martyrers. Seit dem 7. Jahrhundert wird Georg auch im Islam bekannt als Prophet, der sich für die Ausbreitung des christlichen Glaubens einsetzte. Vom Orient aus verbreitete sich die Georgsverehrung bis ins Frankenreich. Seit dem 10. Jahrhundert wurde der heilige Georg auf der fränkischen Lympurg an der Lahn verehrt.  

St. Georg ist gewissermaßen der Zwillingsheilige vom Frankenpatron St. Martin: Beide waren Soldaten, die das Schwert gebrauchten. Der römische Offizier Martin benutzte das Schwert, um damit eine Tat der Nächstenliebe zu vollbringen, also Gutes zu tun. Der christlich-orientalische Kämpfer Georg richtete der Legende nach sein Schwert gegen einen Drachen als Inbegriff des Bösen.

… und als Kämpfer gegen menschenfeindliche Mächte

Die Erzählung vom Ritter Georg als Drachentöter verfestigte sich im Hochmittelalter. Nach dieser Geschichte wurde eine Stadt von einem Drachenwesen bedrängt, dem täglich Menschen zum Opfer fielen. Als eine junge Frau dem bösen Ungeheuer geopfert werden sollte, tötete Georg im Kampf die Menschenfresser-Bestie. Nach der Erschlagung des Untiers war das Land vom Bösen befreit. Eine weitere Geschichte erzählt, dass Georg seine Besitztümer an die Armen verschenkte. Das entsprach dem ritterlichen Ideal.

Der hl. Georg ist Patron verschiedener Länder wie Malta, Litauen oder Sizilien. Das rote Georgskreuz auf weißem Grund findet sich in den Flaggen von England, Georgien und Aragonien, auch in den Stadtwappen von Freiburg und London. Die Figur des Ritters und Drachentöters enthalten die Stadtwappen von Bamberg, Moskau, Eisenach, Miriampole und viele andere. Auch das Limburger Bistumswappen ist durch diese beiden Embleme gekennzeichnet: links das Georgskreuz und rechts der Drache, über den ein Schwert gelegt ist. Der wie eine Schlange gezeichnete Drachenkörper erinnert an die biblische Interpretation dieses teuflischen Untiers: In der Johannes-Offenbarung wird der Drache mit der Verführungsschlange der Genesis sowie dem Satan ineinsgesetzt.

… mit ritterlichen Idealen zu Schutz und Hilfe der Schwachen und Armen

In den Lebensgeschichten, Erzählungen und Bildern zum heiligen Georg gibt es genügend Anknüpfungspunkte für eine Aktualisierung in die heutige Zeit: Er ist gewissermaßen ein Brückenheiliger zwischen Orient und Europa – insbesondere mit seinem Schicksal als Verfolgter und Martyrer um seines Glaubens willens. Ebenfalls sind  die ihm zugeschriebenen ritterlichen Ideale wie Kampf gegen das Böse sowie Schutz und Hilfe der Schwachen und Armen für die heutige Zeit bedenkenswert. In diesem Sinne ist ja auch St. Georg Patron der Pfadfinder.

Ein verkehrtes Georgs- Logo

Wenn nun das Bistum Limburg eine aktualisierte Logo-Gestaltung von Person und Geschichte des hl. Georg in Auftrag gab, so hatte man eine Darstellung im oben beschriebenen Sinne erwarten dürfen. Anfang November stellte die Pressestelle des Bistums das neue Logo für Kinderveranstaltungen vor. Bei genauerer Betrachtung muss man allerdings feststellen: Es ist verfehlt. Denn in den entscheidenden Aussagen stellt das Logo eine Verzerrung oder gar Abkehr von Werk und Ideal des hl. Georg dar:

Ritter Georg steht in Kindsgestalt vor dem Georgsdom auf einem Platz mit Limburger Fachwerkhäusern. Mit seinem offenen Helm-Visier, dem Brustpanzer und Zinnen-Röckchen wirkt der Knappen-Knirps wie verkleidet für eine Kinderfastnacht. Darauf weisen auch seine dürren Krummbeine in Riesenlatschen hin sowie sein Gesicht mit Kulleraugen, Knollennase und Lachmund.

Aus dem menschenfeindlichen Drachen…

Der kleine Schorsch hält in der Rechten das Bistumswappen mit Kreuz, Drachen und Schwert. Seine Linke hat er um die Schulter eines Fabeltiers gelegt. Das soll laut Pressestelle einen lustigen Drachen darstellen. Tatsächlich sieht das Tier mit seinen Wadenbeinfüßen einem Känguru täuschend ähnlich. Ein lachendes australisches Sprungtier ist jedenfalls als liebenswerter Begleiter für den kindlichen Georgdarsteller besser geeignet als ein fauchendes Fabeltier. Gleichwohl soll dieses orangefarbene Känguru mit sandgelbem Brustteil nach dem Willen des Bistums einen Drachen mimen. Andererseits sollte wohl das Tier nicht als das wirklich böse Untier erscheinen, das der hl. Georg bekämpfte. Überhaupt ist die Darstellung von Raubtieren heutzutage nicht mehr opportun. Erst recht sollte man Kindern nicht den Anblick vom Töten eines Tieres zumuten. Schließlich will man die Jugend auch nicht mit  dem Negativ-Bösen konfrontieren – und sei es symbolisch. Daher musste der Drachentöter St. Georg in einen Tierfreund verwandelt werden und der böse Drache in ein freundliches Spiel-Tier. Das lustig wirkende Drachilein legt seinen Arm um das lachende Ritterlein.

… wird ein verspieltes Kuscheltier

Doch durch diese Metamorphose hat nicht nur der Drache seinen Symbolcharakter für das Böse verloren. Auch der Martyrer und Ritter Georg ist zu einer lustigen Playmobil-Figur geschrumpft. Beide Figuren wirken wie Werbe-Maskottchen für einen Phantasia- Freizeitpark. Mit diesem zeitgeistangepassten Logo wird die Georgsgeschichte begraben. Da der ehemals böse Drache der Georgslegende nunmehr in ein liebenswertes Kuscheltier verwandelt ist, braucht er natürlich einen neuen Namen. Das Bistum Limburg hat für die Umbenennung einen Kinder-Wettbewerb ausgelobt. Solche ersten Vorschläge wie Drachi oder Fauchi werden allerdings keine Chance haben, denn sie erinnern noch an das alte Symboltier des Bösen. Nein, der neue Name soll modern sein, witzig, lustig und fidél, vielleicht die Freundschaft zwischen Mensch und Tier ausdrücken… Umarmi, Kängeorg oder so.

Wenn man schon beim Umbenennen ist, sollte man auch gleich einen neuen Namen für die Georgsperson suchen. Denn der aktuelle Logo-Schorsch, Arm in Arm mit seinem neuen Kuscheltier,  hat mit dem alten Drachentöter St. Georg soviel zu tun wie ein Maschinengewehr mit einer Lanze – nämlich nichts. Also weg mit dem alten Ritter Georg und seinem Drachenkampf gegen das Böse! Es gibt keine halbe Verwandlung von einem ganzen Kämpferpaar.

Oder könnte diese radikale Konsequenz zur Entsorgung von St. Georg und seiner Geschichte  die Verantwortlichen vielleicht doch zum Umdenken bewegen, um zu sagen: STOPP! So kann man nicht mit unserem geistlichen und kulturellen Erbe umgehen; das alte Kulturgut zerschreddern und aus dem historischen Rückständen eine neue Zeitgeistgeschichte backen.

Vielleicht sollte man doch noch mal versuchen, an den historischen Georg und seine Rezeptionsgeschichte anzuknüpfen, um sein Opfer und seinen Kampf, seine Haltungen und Tugenden für die gegenwärtigen Zeiten und Menschen fruchtbar zu machen. Denn die Verfolgung und Unterdrückung von Christen und unsere Solidarität mit ihnen ist ebenso aktuell wie das Vorrücken menschenfeindliche Mächte nach mutiger Gegenwehr schreit. Dafür steht der Drache als Inbegriff des Bösen, den der Ritter Georg bekämpfte. In diesem Topos sind historische und menschliche Grunderfahrungen der Christenheit ausgedrückt.

Das neue Bistumslogo für Kinderveranstaltungen ist keine Neu-Interpretation von Gestalt und Geschichte des hl. Georgs, sondern eine Verdrehung und Verschandelung von Geschichte und Vorbild des Dom- und Bistumspatron. In Zeiten, wo Ritterthemen und ritterliches Verhalten bei Jugendlichen durchaus wieder beliebt sind, wo der Kampf von Gut und Böse in Mittelerde und Mittlerem Osten die Gemüter bewegt, sollte es doch auch möglich sein, eine Aktualisierung in Wort und Bild für den Ritter St. Georg zu finden.  

Hubert Hecker